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Lüttinger Knabe durfte für 20 Pfennige nackt betrachtet werden

Veröffentlicht am: 11.10.2023

Sonderausstellung im Museum Burg Linn "Fischerei am Niederrhein" . Lüttinger Knabe in der Ausstellung. Bild: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation
Sonderausstellung im Museum Burg Linn "Fischerei am Niederrhein" . Lüttinger Knabe in der Ausstellung. Bild: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation

Eine der seltenen Kopien steht heute im Archäologischen Museum Krefeld

Der Rhein bildete zur Zeit der Römer am Niederrhein die Grenze zwischen der römischen Provinz Niedergermanien und den Barbaren auf der rechten Uferseite. Diese „nasse Grenze", den Niedergermanischen Limes, sicherten die Römer linksrheinisch mit Kastellen, sie patrouillierten aber auch mit Schiffen auf dem Rhein. Als Grenze betrachteten sie nicht die Flussmitte, sondern das gegenüberliegende Ufer. Der Rhein gehörte also zum Römischen Reich. Wie heute wurden auf dem Strom Waren und Menschen transportiert. Denn in der Antike - und noch bis ins Mittelalter - galten die Flüsse als „Autobahnen", als schnellste Möglichkeit von A nach B zu gelangen. Und es kam vor, dass solche Transporte von Germanen überfallen wurden oder Schiffe sanken. Dabei ging manches im Rhein verloren, was Jahrhunderte später erst wiedergefunden wurde - wie der „Lüttinger Knabe". Eine der seltenen Kopien steht heute im Archäologischen Museum Krefeld - das Original befindet sich im Neuen Museum in Berlin.

Fischer fanden die Statue

Wie die Statue in den Rhein gelangte, ist offen: vielleicht ein Beutestück, das auf der Flucht verloren ging. Oder ein römisches Schiff hat seine Ladung bei einem Untergang verloren. Im Februar 1858 machten sechs Lachsfischer aus Lüttingen und Bislich am Niederrhein diese erstaunliche Entdeckung - allerdings nicht in ihren Netzen im Strom, sondern im trockengefallenen Flussbett. Sie waren gerade dabei, bei Bislich große Steine im Kies zu vergraben, weil spitze Felsen ihnen widerholt die Netze zerrissen hatten. Während ihrer Arbeit stießen sie zufällig auf die Statue. Mit ihren 1,44 Meter war es eine lebensgroße Bronze eines Knaben, der lediglich der linke Unterarm fehlte. Vielleicht handelt es sich um einen „stummen Diener", der noch ein Tablett trug. Ihren Fund brachten sie nach Lüttingen, heute ein Stadtteil von Xanten am Rheinkilometer 827 gelegen. Dort stellten sie den „Lüttinger Knaben" in einer Schule aus - gegen Bares. Dem römischen Jungen hatten sie in der Zwischenzeit einen Lendenschurz verpasst. Wer den Knaben so sehen wollte, bezahlte zehn Pfennig, wer ihn ohne den Sichtschutz in nackter Gänze betrachten wollte, musste das Doppelte berappen.

Pergamonmuseum zahlte damals die enorme Summe von 8.000 Mark

Für ihr kostbares Fundstück interessierte man sich alsbald in der Hauptstadt Berlin. Das Pergamonmuseum zahlte damals die enorme Summe von 8.000 Mark als Finderlohn. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der „Lüttinger Knabe" in Moskau ausgestellt, kam dann nach Ost-Berlin und steht heute im Bacchus-Saal des Neuen Museums. Eine der seltenen Kopie erwarb der ehemalige Museumsleiter Dr. Albert Steeger während seiner Amtszeit. Sie steht in der Dauerausstellung - ohne Lendenschurz.

Niedergermanischer Limes

Als Teil des Niedergermanischen Limes wurde das Kastellareal in Krefeld-Gellep 2021 als Unesco-Welterbe anerkannt. Unter den in Nordrhein-Westfalen einzutragenden Römerstätten nimmt dieses Areal eine Schlüsselposition ein. Es bestand vom ersten bis fünften Jahrhundert nach Christus fast ununterbrochen an derselben Stelle. Das Welterbe-Projekt umfasst die Grenzlinie und Militäreinrichtungen zur Zeit der Blüte des Römischen Reiches, etwa in der Zeit von 100 bis 200 nach Christus. Geschichten rund um die Krefelder Welterbestätte stehen unter www.krefeld.de/welterbe.

 

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