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Krefelder historische Panoramen

Karten der Stadt Krefeld

Krefelder historische Panoramen

geschöpft aus dem tiefen Brunnen unseres Stadtarchivs

Karten der Stadt Krefeld

 

Folge 1:
Das Ende des 1. Weltkriegs, der Lehrer Prof. Dr. Weisflog, seine Oberrealschüler und Lehrerkollegen (des späteren Fichte-Gymnasiums)

 

Von Olaf Richter

Vor rund 100 Jahren, zwischen Mitte und Ende November 1918, wurde das Krefelder Straßenbild täglich von Truppendurchzügen, auch ungeordnet und einzeln von der Front rückkehrenden Soldaten bestimmt, die nach dem plötzlichen Kriegsende, Sturz der Monarchie und dem Waffenstillstand vom 9. und 11.11. durch Krefeld weiter Richtung Osten zogen. Wie sich viele Zeitgenossen erinnerten, prägte damals das Feldgrau des kaiserlichen Militärs das hektische Treiben in der Stadt.

So zog am 21.11. ein sächsisches Infanterie-Regiment mit Musikkapelle zur Verpflegung und Übernachtung in die Husarenkaserne ein. Wie die Zeitungen berichteten, wurden unbespannte Wagen mit Gulaschkanonen freudig von der Krefelder Jugend gezogen. Nur drei Tage zuvor waren die ersten Truppen aus Flandern in die Stadt zurückgekehrt. Die Lokalblätter riefen auf, für den Einzug die Häuser mit Blumen und Tannengrün zu schmücken. In den Zeitungen hieß es, dass die Soldaten von der Westfront „als Sieger, nicht als Besiegte" heimkehrten.

Ebenfalls an jenem 21.11., es war ein Donnerstag, traf das fünf Tage zuvor von seinem letzten Standort bei Lüttich abmarschierte Krefelder Landsturm-Infanterie Bataillon VII/46 wieder in seiner Heimatstadt ein. Wie vier Jahre zuvor beim Auszug, es war Mitte September 1914, bejubelte eine große Menschenmenge die Rückkehr der Krefelder Soldaten, obgleich die damals rund 129.000 Einwohner umfassende Stadtgemeinde nun 2.344 Gefallene zu betrauern hatte.

Weisflog zu Pferde
Feldpostkarte an den Direktor der Krefelder Oberrealschule Carl Quossek, mit rückseitiger Aufnahme Weisflogs. Löwen, 12.4. 1918

 

Angeführt wurde das heimkehrende Bataillon von seinem Kommandanten Major Prof. Dr. Weisflog, einem Lehrer an der damaligen Oberrealschule, die dann später, ab 1937, den Namen Fichte-Gymnasium trug. Die Soldaten zogen singend und unter Glockengeläut der protestantischen Alten Kirche ein. Die Truppeneinheit war 1914 zunächst im belgischen Tirlemont (heute Tienen in der Provinz Flämisch-Brabant), dann in Löwen (der Universitäts- und heutigen Hauptstadt dieser Provinz) sowie über die längste Zeit nahe Brüssel, schließlich in Lüttich stationiert gewesen.

Nur wenig später, am Sonntag dem 1.12., fand eine abendliche Begrüßungsfeier für die heimgekehrten Soldaten in der mit Tannengrün ausgeschmückten evangelischen Friedenskirche statt, unter angeblich überwältigendem Andrang der Krefelderinnen und Krefelder. Drei Pastoren würdigten den militärischen Einsatz („die Taten, die jene auf jahrelanger Kriegsfahrt in allen Weltteilen vollbracht haben"). In ihren Predigten gingen die Geistlichen auf die ihrem Verständnis nach derzeit noch „in undurchdringliches Dunkel gehüllte politische Lage ein". Klar gesprochen wurde hingegen von der Schuldlosigkeit des Kaiserreiches angesichts der verfahrenen Lage und des verlorenen Krieges, wie in der Crefelder Zeitung des folgenden Tages zu lesen war. Eine ganz ähnliche Sicht auf die Lage hatte der katholische Pfarrer in Bockum, der in seinen Erinnerungen an die Besatzungszeit schrieb: „Am 1. Dezember 1918 haben wir hier unseren unbesiegten Helden, die aus der Front kamen, mit herzlichem Willkomm in die Heimat, besonders im Festgottesdienst empfangen. Nicht sie, sondern die im Lande zurückgebliebenen waren durch äußere und seelische Not zusammengebrochen."

 

Wer also war Hugo Weisflog, der damals von der Front in das zivile Leben der Stadt zurückkehrte und in diesen Tagen seine Lehrertätigkeit wieder aufnahm?

1857 im oberschlesischen Zawadski, im damals preußischen Kreis Groß Strehlitz (heute Woiwodschaft Oppeln) als Sohn eines Maschinenmeisters geboren, war er evangelischen Bekenntnisses. Er heiratete - allerdings erst nach Erhalt der „Heiraths-Bewilligung" durch das Königliche Provinzial Schul-Kollegium - am 18.8. 1890 auf dem Standesamt zu Bockum (die Gemeinde kam erst 1907 aus dem Landkreis Krefeld zur Stadt Krefeld) die „gewerbslose" Maria Traenkle. Die damals Zwanzigjährige entstammte einer Kaufmannsfamilie: Ihr Vater war der um 1842 in Heidelberg geborene ‚Handlungs-Commis' Wilhelm Albert Tränkle, ihre Mutter die Krefelderin Johanna Mathilde Hennes (*1845). Wie für Angehörige des gehobenen Krefelder Bürgertums nicht ungewöhnlich, war sie „mennonitischer Religion", wie der Eintrag im Heiratsregister kundgibt.

Wie sah die Ausbildung Weisflogs zum Lehrer im Einzelnen aus? Mit 19 Jahren nahm er sein Studium der Mathematik an der Universität Breslau auf (1876-80). Er setzte es 1880-81 an der Universität Wittenberg-Halle an der Saale fort, wo er 1882 zum Dr. phil. promoviert (welcher Titel neben dem Dr. rer. nat. üblich war). Außer seinem Hauptfach Mathematik absolvierte er Prüfungen in Physik, Botanik, Zoologie, Mineralogie und Französisch. 1883 und 1884 leistete er sein Probejahr am Reichenbacher Realgymnasium im Eulengebirge (heute die polnische Kreisstadt Dzierżoniów in der Woiwodschaft Niederschlesien). Anschließend nahm er eine Hilfslehrertätigkeit an der Oberrealschule Breslau an, bildete sich 1884 bis 1885 an der Turnlehrerbildungsanstalt Berlin fort und wurde schließlich 1885 als „Hilfslehrer" an der Krefelder Oberrealschule eingestellt. 1887 war er Oberlehrer, 1905 erhielt er den Titel „Professor".

Daneben diente Weisflog 1877 als sogenannter Einjährig-Freiwilliger, und wurde 1883 zum „Second Lieutenant der Landwehr", 1892 zum Oberleutnant und 1898 zum Hauptmann ernannt. Zur Zeit der ersten Marokko-Krise (1905) meldete er sich spontan für den Fall der Mobilmachung, nachdem er allerdings zwei Jahre zuvor eine Einberufung zu Militärübungen abgelehnt hatte (Weisflog war zuvor mehrfach zu militärischen Übungen einberufen worden, etwa 1891, 1898 und 1903). Mit dem Krefelder Bataillon zog er am 23. September 1914 an die Westfront und wurde im letzten Kriegsjahr zum Major beziehungsweise Kommandeur seines Bataillons befördert.

Oberrealschule am Westwall
Die Oberrealschule am Westwall 14, das spätere Fichte-Gymnasium (um 1890). StA KR, Bildsammlung, Obj.-Nr. 14108.

Fichte-Gymnasium heute (2013),
Das Fichte-Gymnasium heute (2013), vom Westwall auf der Höhe Lindenstraße her gesehen. StA KR, Bildsammlung, Obj.-Nr. 38765.


Ohne je die Lehranstalt zu wechseln unterrichtete Weisflog bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1922 an der Oberrealschule am Westwall. Seine Personalakte gibt durchaus einem Eindruck von seiner Persönlichkeit und lässt einen ausschnitthaften Blick auf den Schulalltag um 1900 werfen. Dabei ist freilich im Auge zu behalten, das meist nur Probleme aktenkundig geworden sind, nicht das, was reibungslos ablief. Wie dem auch sei, Unterhaltsames findet sich allemal, etwa die jugendlichen Streiche der Schüler, die filmreif sein könnten.

 

Ausschnitt Innenstadtplan von 1943
Ausschnitt eines Bebauungsplanes der Krefelder Innenstadt von 1943. StA KR, Bestand 35, Nr. 143.

 

Hugo Weisflog war also im April 1885 von Berlin nach Krefeld gekommen. Der damalige Direktor der Oberrealschule war Carl Quossek (1849-1929), der die auf dem Westwall Nr. 14 gelegene Anstalt, neben welcher er in Haus Nr. 12 auch wohnte, über einen heute außergewöhnlich langen Zeitraum, von 1884 bis 1920, leitete. Von ihm wurde Weisflog bei Eintritt in den Schuldienst sowie in das 24-köpfige Lehrerkollegium vereidigt. Das geschah, wie es im damaligen Protokoll heißt, in der Erwartung seines einwandfreien sittlichen Verhaltens, nämlich „daß er durch sein Wort und sein Beispiel Gottesfurcht, Achtung vor Gesetz und Obrigkeit, Liebe zum Vaterlande und Ehrfurcht gegen seine Majestät den König in der Jugend zu pflegen und zu fördern sich angelegen sein lasse." Dass solches durchaus ernst genommen worden ist, zeigt jener Verweis, den das Königliche Provinzial Schul-Kollegium zu Koblenz im Jahr 1913 gegenüber dem auf derselben Schule tätigen Professor Paul Roloff ausgesprochen hat (von ihm wird noch die Rede sein). 30 Mark Geldstrafe wurden ihm auferlegt, da man, so heißt es im Schreiben an den Getadelten, „mit Befremden Kenntnis genommen [habe], dass Sie mehrfach von der Schulfeier des Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers und Königs, zuletzt in diesem Jahre ohne Grund ferngeblieben sind."

1889, vier Jahre nach dem Eintritt Weisflogs in das Kollegium am Westwall, fanden die Konflikte zwischen ihm und seinen Schülern erstmals Niederschlag in den Akten. So beklagte sich Wilhelm Boltendahl, Inhaber eines auf dem Ostwall 69 angesiedelten Kohlenhandels, beim Direktor über Weisflog. Dieser habe seinen gleichnamigen Sohn auf die Backe geschlagen: Blut sei gelaufen, ja es habe sich gar eine Narbe gebildet. Direktor Quossek ging der Sache nach. Weisflog erklärte, dass es der Tertianer Boltendahl (8. Jahrgangsstufe) in den vergangenen Monaten an Fleiß und Aufmerksamkeit fehlen ließ. Er habe ihn deshalb in seine Privatwohnung bestellt, wo er Nachhilfe erhielt. Doch auch dabei sei er nicht aufmerksam gewesen, weshalb, so Weisflog, „ich es für zweckmäßig hielt, ihm ein Paar Ohrfeigen zu geben, die jedoch nur die vorgehaltenen Hände trafen." Der Schüler habe ihm gegenüber auf Rückfrage allerdings verneint, dass das Blut aufgrund der Ohrfeigen geflossen sei. Der Grund der Beschwerde des Vaters, so Weisflog, liege vielmehr in der Unzufriedenheit mit den schlechten Zensuren seines Sohnes. Direktor Quossek sprach auch mit dem Schüler. Schließlich teilte er dem Vater mit, Weisflog „darauf aufmerksam [zu] machen, daß ich eine derartige körperliche Züchtigung eines Tertianers nicht billige". Soweit also die aus der Rückschau wohl recht moderne Pädagogik des Direktors, der darüber hinaus dem Vater anheimstellte, weitere Schritte gegen Weisflog bei der Aufsichtsbehörde, der Königlich-Preußischen Schulkommission zu Koblenz einzuleiten, was wohl unterblieben ist.

Noch im selben Jahr kam es zu einer weiteren Beschwerde. Der auf der Marktstraße 46 ansässige „Goldarbeiter" Jacob Koch, der demnach als Geselle eines Goldschmieds arbeitete, wurde ebenfalls bei dem Schulleiter vorstellig. Kochs Sohn, der Quintaner Ernst (6. Jahrgangsstufe), sei von Weisflog geschlagen worden, da er eine Aufgabe nicht lösen konnte. Der Vater forderte, solches zukünftig zu verbieten und fügt an: „Ich habe alle Achtung für Zucht und Ordnung, ich habe selbst mit Stolz und Ehre meinem Kaiser und mein [!] Vaterland gedient, aber meine Kinder schlagen, das verbiete ich mir." Direktor Quossek antworte zustimmend, dass er diesem Wunsch „um so eher nachkommen werde, als das Schlagen der Schüler an unser Anstalt durch Entschluß der Lehrerkonferenz ausdrücklich untersagt ist."

Quossek ging auch diesem Fall nach, vernahm den Schüler und forderte andererseits Weisflog auf, Stellung zu beziehen. Weisflog erklärte, dass Ernst Koch im Kopfrechnen „wiederholt die gröbste Unwissenheit" an den Tag gelegt habe, ja es „hatte den Anschein, als ob der Schüler gar nicht denken wollte." Er habe ihm also „einen leichten Backenstreich" und den Rat gegeben, mit „einem der besseren Schüler" zu üben. Das Ziel sollte sein, die für den folgenden Samstag vorgesehene Prüfung zu bestehen. Auch bot der Lehrer dem Schüler an, ihn zuhause aufzusuchen, falls er dennoch Unsicherheiten habe.

Ernst Koch gab in der Vernehmung hingegen an, dass er von Weisflog mehrere Male ins Gesicht geschlagen worden sei; die linke Backe habe geschmerzt und sei dick geworden. Außerdem ließ der Direktor noch zwei weitere Schüler als Zeugen vernehmen, Theodor Hammers und Wilhelm Verbücheln. Beide bestätigten die Aussagen von Ernst Koch und ergänzten, es seien circa 15 Schläge gewesen, die ihren Mitschüler trafen, mehr und minder hart.

Im Jahr 1891 wurde die nächste Beschwerde in die Personalakte Weisflogs aufgenommen. Weisflog hatte mehrere Blätter des Rechenheftes zerrissen, das einem Schüler der fünften Jahrgangsstufe namens Hannen gehörte. Es wiederholte sich das Prozedere der Vernehmungen aller Beteiligten durch die Schulleitung. Direktor Quossek wandte sich auch in diesem Fall an das Königliche Provinzial Schul-Kollegium zu Koblenz. Einleitend teilte er mit: „Gegen den Dr. Weisflog sind schon zahlreiche Beschwerden wegen Beschimpfung und Verhöhnung sowie wegen körperlicher Züchtigung ... eingelaufen". Er habe Weisflog deshalb bereits einen Verweis erteilt. Das geschah allerdings bemerkenswerterweise nicht wegen der Züchtigungen, sondern weil der Lehrer einen dieser Fälle nicht der Direktion gemeldet hatte, wie dies seine Pflicht gewesen wäre.

 

Brief
Umschlag eines Schreibens des Königlichen Provinzial Schul-Kollegiums Koblenz an den Direktor der Krefelder Oberrealschule (1891)

Das Koblenzer Schul-Kollegium teilte Weisflog mit: „Diese Art, der Unzufriedenheit mit der Leistung eines Schülers Ausdruck zu geben, ist ungehörig". Gleichermaßen wurde das Angebot Weisflogs kritisiert, der dem Schüler Geld zur „Wiederherstellung" des Heftes geben wollte. Das Kollegium erteilte ihm „eine Warnung"; man erwartete von Weisflog zukünftig die „einem Lehrer geziemende Besonnenheit bei Ausübung der Schulzucht".

Schulklasse
Schulklasse der Oberrealschule vor dem Pavillon im Stadtgarten (1900). StA KR, Bildsammlung, Obj.-Nr. 35761.


In den folgenden Wochen eskalierte die Situation jedoch weiter. Weisflog sah sich weiterhin im Recht. So wandte er sich auf dem Dienstweg, also über den Schuldirektor, an das Koblenzer Schul-Kollegium. Er bat in einer recht umfangreichen Eingabe „um Schutz gegen Maßnahmen des Direktors". Auf den Gegenstand der Klage ging das Kollegium in seiner Antwort bis auf eine Rüge Weisflogs nicht weiter ein. Quossek leitete dieses heute nicht mehr vorhandene Schreiben ordnungsgemäß weiter, fügte aber seinerseits eine Stellungnahme bei, in welcher er Weisflogs Behauptungen zum Teil als unwahr beschrieb. In diesem Schreiben werden nun die von Weisflog beklagten Maßnahmen offenkundig: So sei ihm das Züchtigungsrecht entzogen worden, der Direktor habe verlauten lassen, dass Weisflog in Krefeld „keine Zukunft mehr hätte" und anderes mehr. Aus diesen Unterlagen geht im Übrigen auch hervor, dass die Anordnung des Direktors, körperliche Strafen einzuschränken, ja zu unterbinden, von der Mehrheit der Lehrerschaft gar nicht gutgeheißen wurde. So sei nämlich gerade deshalb zwischen dem Direktor und seinem Kollegium, so der Schulleiter, „offener Zwiespalt" entstanden. Folglich wurden Weisflogs Methoden von den meisten seiner Kollegen gutgeheißen.

Nachdem sich die Streitigkeiten zwischen Weisflog und seinen Schülern sowie zwischen ihm und seinem Direktor fürs Erste gelegt zu haben schienen, brach nun Ende 1891 ein Zwist mit einem Kollegen, dem Oberlehrer Dr. Schmitz, aus. Dabei ging es um angeblich „systematische Angriffe" Weisflogs, und um das Schlechtreden vor der Schülerschaft, für die Schmitz neben seinem offiziellen Schuldienst offenbar im Schulgebäude auch Privatunterricht erteilte. Weisflog wies solche Anschuldigungen zurück. Seinerseits war die Rede von Beleidigungen, die sein Kollege schriftlich gegen ihn erhoben hätte. Am Silvestertag 1891 reichte Weisflog beim Direktor eine 36-seitige Rechtfertigungsschrift ein, in der er minutiös und detailliert seinen Standpunkt darlegte. Sein Widerpart Schmitz antwortete in knapper schriftlicher Form am 2. Januar 1892 und erklärte, dass er weder „Zeit noch Lust" habe, im Einzelnen auf diese voluminöse Schrift voller „ungehöriger Angriffe" einzugehen. Er wolle seine Beschwerde zurückziehen, da er in dem Zank keinen Sinn erkenne. Er erklärte in klug-resignativer Manier, er wolle eventuelle zukünftige Schmähungen lieber erdulden, als sich mit solchen beschäftigen.

Der Fall Quester, oder: die Schüler besichtigen die schöne Wohnungseinrichtung ihres Lehrers. Noch im Jahr 1892 setzten sich dann aber die Streitigkeiten Weisflogs mit Schülern bezieungsweise deren Eltern fort. Nun ging es sogar bis vor die Gerichte. Die am Alexanderplatz wohnende Frau Stefanie Quester (geborene Florange, die Witwe Theodor Questers) hatte ihn zunächst vor dem Königlichen Landgericht zu Krefeld verklagt und nach Abweisung bei der nächsten Instanz, der Oberstaatsanwaltschaft zu Köln, ihr Recht gesucht (die Kölner Justiz lehnte die Klage übrigens ebenso wie das Krefelder Amtsgericht ab). All das ist wiederum dem Königlichen Provinzial Schul-Kollegium in Koblenz mitgeteilt worden, das sich in der Sache nach Krefeld an den Direktor der Oberrealschule wandte.

Weisflog wurde in dem Verfahren beschuldigt, dem Sohn Stefanie Questers und Untersekundaners Willy Quester (10. Schuljahr) "drei Ohrfeigen versetzt" zu haben.

 

Alexanderplatz
Die Häuser 6-8 und 9-15 auf dem Alexanderplatz, Südwestecke, um 1921.

Dieser Vorfall ereignete sich aber nun außerhalb der Schule. Es geschah an einem Juniabend um 23 Uhr im Hause der Questers am Alexanderplatz 7 (das ist das Nachbarhaus jenes Gebäudes, in dem 29 Jahre später der Aktionskünstler Joseph Beuys geboren wurde). Weisflog und seine Frau, die damals bei Questers zur Miete wohnten, kamen spätabends heim und fanden die Eingangstür mit einer Kette versperrt vor. Das war vielleicht nicht ganz ohne Zutun von Willy Quester geschehen, der den wütenden Lehrer hinter dem Fenster mit Schadenfreude betrachtet haben mag, wer weiß. Aufgrund der nun einsetzenden Streitigkeiten kündigte Frau Quester Weisflog die Wohnung auf, der mit seiner Frau auf der Uerdinger Straße 89 zog.

Doch zurück zum Streitfall: Bei der gerichtlichen Vernehmung erhob wiederum auch Weisflog Vorwürfe gegen seinen Schüler, und zwar durchaus gewichtige Anschuldigungen: So seien im Jahr zuvor Willy Quester, dessen älterer Bruder Theodor - er ist übrigens kurz nach diesen Vorkommnissen als Matrose zur Marine gegangen - und Willys Mitschüler Karl Mackes ein- oder zweimal in Weisflogs Wohnung eingebrochen. Dabei hätten sie "verschiedene Genußmittel entwendet", die Schränke durchsucht und das Mobiliar beschädigt oder gar zerschlagen. Konkret sollen die Jugendlichen im Speisezimmer eine halbvolle Flasche Wein ausgetrunken und "einige Cigarren geraucht" haben. Schließlich sei ein Sessel beschädigt worden, "indem einer von ihnen sich ohne die nötige Vorsicht in diesen Sessel niedergelassen" habe, wie sich Weisflog äußerte. Alles dies habe Frau Quester gegenüber Weisflog dann auch zugegeben und ihm als Entschädigung dreißig Mark übergegeben.

Weisflog hatte das derzeit Direktor Quossek angezeigt, der die Schüler vernahm. Mittlerweile war Quossek offensichtlich auf seinen Lehrer nicht mehr gut zu sprechen; er charakterisierte ihn in einem Schreiben als „bekanntermaßen streitsüchtig". Zudem stellte er einige Jahre später Weisflogs pädagogische Kompetenz infrage: Er besitze „nur mäßiges Lehrgeschick, weiß die Schüler nicht zu fesseln, behandelt sie aber hart und lieblos", was sogar auf der Oberrealschule „einen sehr starken Abgang der Schüler verursacht" habe. Auch zweifelte er nicht daran, dass die beiden Schüler, die sich bislang gut betragen hätten, lediglich leichtsinnig gewesen seien, zumal sie die Wohnungstür mittels eines Schlüssels öffneten, der auf dem Flur versteckt lag. Tatsächlich hätten sie, so der Schulleiter weiter, keinen Diebstahl begehen wollen. Sie seien nur eingedrungen, "um die schöne Einrichtung zu besichtigen, und [haben] sich dann erst zu dem unüberlegten Schritte hinreißen lassen, die Genußmittel auf der Stelle zu verzehren". Der Direktor verhängte keine Strafe gegen die beiden Schüler, sondern forderte die Erziehungsberechtigten auf, ihre Söhne "in angemessener Weise zu bestrafen".

 

Schulklasse
Eine Schulklasse zu Ostern 1903: die Untersekunda des Klassenlehrers Schwab.
Vornamen: O. Beckers und F. Heymann, zweite Reihe R. Kohtz, H. Hengsterberg, O. Mackels, W. Worms, J. Langer, hintere Reihe: P. Gompertz, K. Brill, P. v. Harenne, J. Adams, P. Missy, W. Strompen, A. Mooren, A. Berndt, P. Schmitz, A. Schäfer, H. Bärenfänger, H. Werner, E. Buschmann, W. Storde, K. Herbst.

Möglicherweise kam es in den folgenden Jahren zu keinerlei Querelen mehr. Doch spätestens 1903 und 1905 flammte der Streit zwischen Weisflog und Direktor Quossek wieder auf. Weisflog warf ihm nun „Angriffe und Verdächtigungen" wie auch „persönliches Übelwollen" vor. Ausgelöst wurde der Dissens offenbar durch unterschiedliche Auffassungen über die Lehrinhalte, hier insbesondere um die Übernahme des neuerdings in den Lehrplan aufgenommenen Linearzeichnens im Rahmen des Mathematikunterrichts, welche Entscheidung Weisflog ablehnte. Daneben dürfte angesichts der Absicherung des Unterrichtbetriebs die Zurückhaltung des Direktors bei dem erwähnten Wunsch Weisflogs eine Rolle gespielt haben, sich 1905 freiwillig zum Heer zu melden.

Aktendeckel
Personalakte Roloff, StAKR Bestand 72/7, Nr. 704

 

Ende des Jahres 1910 kam es neuerlich zum Streit. Dieses Mal zwischen Weisflog und seinem Lehrerkollegen und wohl früheren Freund, Professor Paul Roloff (1860-1931). Dieses Zerwürfnis nahm seinen Ausgang von der offensichtlichen, durch Schüler wie Lehrer verursachten Unordnung der physikalischen Sammlung der Schule, für die Weisflog zuständig war. Sie war in vier Schulräumen in Schränken untergebracht. Beide Lehrer beleidigten sich im Beisein ihrer Kollegen gegenseitig und wechselten umfangreiche Anklagebriefe. Da Weisflog die Angelegenheit aus der Schule herausgetragen und sich zunächst an den ortsansässigen Philologen-Verein, dann an den Ehrenrat des Krefelder Landwehrbezirks gewandt hatte, ihm war Weisflog „als mit Uniform verabschiedeter Offizier unterstellt", sah sich Direktor Quossek veranlasst, erneut an die vorgesetzte Behörde in Koblenz zu schreiben.

Ausschnitt aus der PersonalakteGeschüttelt, nicht gerührt! „Ich habe heut den Obertertianer Nohl [demnach ein Schüler der 9. Jahrgangsstufe] am Kopf genommen und geschüttelt, weil er gelacht hat, als ich die Klasse ernstlich wegen ihrer Gleichgültigkeit, Unaufmerksamkeit und Trägheit ermahnte. ...". StA KR, Bestand 72/7, Nr. 760, ohne Blattzählung (13.2.1914).


In den Akten findet sich allerdings kein Hinweis, wie diese Sache ausgegangen ist, sondern als letzter Vorfall diese knappe Stellungnahme Weisflogs über die Ausübung des von ihm reklamierten „Züchtigungsrechts", deren Erhalt Direktor Quossek am 13. Februar 1914 quittiert, also sieben Monate vor dem Auszug Weisflogs mit den Krefelder Kameraden zur Westfront.

Die Schulaktenüberlieferung zeigt freilich in ihrer Breite, dass die im Falle Weisflogs zutage getretenen Konflikte keine Einzelfälle waren, sei es hinsichtlich der Mißhelligkeiten der Lehrer untereinander oder zwischen ihnen und ihren Schülern. So schrieb beispielsweise Direktor Quossek im August 1913 auch an Professor Roloff: „Es ist festgestellt, dass Sie im Schuljahre 1912 den Schüler Walter Ramisch in zwei verschiedenen Fällen mehrere heftige Schläge an den Kopf versetzt haben ...".

Bildnis von Lehrer Weisflog
StA KR, Bildsammlung, Obj.-Nr. 25932, Porträt von Lehrer Weisflog um 1893.

 

Doch wenden wir nun unseren Blick abschließend auf die Krefelder Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts, so zeigt zunächst diese Fotoaufnahme aus dem Jahr 1893 Weisflog als Mitglied des Krefelder Wanderbundes. Dies weist auf seine Zugehörigkeit oder auch nur Nähe zum prominenten und tonangebenden Krefelder Bürgertum hin. Im Kreise des Wanderbundes trafen sich allwöchentlich die Herren der führenden Bürgerschicht der Stadt. Mit dem Bund ist die Einrichtung des Hülser Berges als Wanderziel eng verbunden, und so ist auch der dortige Aussichtsturm vom Gründer des Bundes initiiert worden.

 

Oberbürgermeister Ernst Küper mit seinem Enkel Enno
Oberbürgermeister Ernst Küper mit seinem Enkel Enno, Weihnachten 1907. StA KR, Bildsammlung, unverzeichneter Bestand.

 

Zu den Mitgliedern zählte beispielsweise der zwischen 1882 und 1903 amtierende Oberbürgermeister Ernst Küper. Auf Weisflogs gute Kontakte und seinen gesellschaftlichen Umgang weist folgender Vorgang hin: 1896 erhielt er zusammen mit einem weiteren Lehrer, der am Realgymnasium − dem heutigen Gymnasium am Moltkeplatz − beschäftigt war, infolge der Todesfälle je eines Lehrers am Realgymnasium bezieungsweise. an der Oberrealschule, die frei gewordene jährliche Zulage von 900 Mark. Das teilte das Königliche Provinzial Schul-Kollegium zum einen Oberbürgermeister Küper mit, da die Stadtverwaltung derzeit für die Änderung und Zahlungen der Besoldungen zuständig war, und zum anderen dem Schuldirektor Quossek. Ihm wurde aufgetragen, Weisflog entsprechend zu benachrichtigen. Dies brauchte der Direktor aber nicht mehr zu tun, denn wie er notierte, sei diese Mitteilung „schon vom Oberbürgermeister unmittelbar geschehen".

Das Verhältnis zwischen Direktor und seinem Lehrer zeigte sich, wie gesehen, in den Jahren als oftmals belastet, ging aber nicht in die Brüche. Das wird deutlich an einer Feldpostkarte und einem Schreiben an Quossek aus den Jahren 1915 und 1918 (die im Feld stehenden Lehrer hatten stets ihrem Schulleiter Meldung etwa über Verlegungen zu machen hatten). Mit beiden während des Krieges aus Löwen und Lüttich verschickten Mitteilungen, dankte Weisflog recht persönlich für Glückwunschschreiben, die Quossek zuvor an ihn adressiert hatte. Weisflog fügte hinsichtlich der Oberrealschule an: „Ich habe mich gefreut zu hören, daß an der Anstalt jetzt stetige Verhältnisse eingetreten sind" (April 1915). Aus Lüttich teilte Weisflog am 12. April 1918 unter anderem mit, dass er gerade zum Kommandeur des Krefelder Bataillons ernannt worden ist, welches er dann, wie berichtet, im folgenden November nach Kriegsende und Untergang des Kaiserreichs in die Heimatstadt zurückführte.

Danach setzte Weisflog noch knapp vier Jahre lang seine Lehrtätigkeit an der Oberrealschule fort. Er leistete im März 1920 seinen Beamteneid auf die Republik und 1921 auf die preußische Verfassung. Er ging zwei Jahre später in Pension, was der damaligen belgischen Besatzung durch das nunmehrige Koblenzer „Provinzial Schul-Kollegium", das „Königliche" war gestrichen worden, angezeigt wurde. Weisflog starb am 16.12. 1940, seine Frau Maria sieben Jahre später, beide in Krefeld. Dort wohnten sie zuletzt in Bockum auf der Taubenstraße 16. Von Maria Weisflog ist in den Unterlagen abgesehen von einem Vermerk auf der Meldekartei, dass sie und ihr Mann im Juli 1927 nach Tirol gereist sind, nichts Näheres zu erfahren.

Quellen im Stadtarchiv: Bestand 72/7 Fichte-Gymnasium, Nr. 760: Personalakte Prof. Dr. Weisflog, ebenda Nr. 704: Personalakte Prof. Dr. Roloff, Nachlass W. Niepoth, Nr. 1015, Personenstandsüberlieferung, Bildsammlung, Bibliothek und Informationsdatenbank des Stadtarchivs.