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Interview mit BIWAQ-Projektmitarbeitern

Zuletzt geändert: 16.03.2021 16:38:47 CET

„Bunt, innovativ, gemeinsam im Quartier" heißt das Projekt, mit dem Akteure der Kommunalen Zentralstelle für Beschäftigungsförderung (Kom.ZFB), der Volkshochschule (VHS) und der Institute SO.CON und NIERS der Hochschule Niederrhein im Krefelder Süden Maßnahmen umsetzen, die Beratung von Unternehmen, soziales Quartiersmanagement und Arbeitsmarktförderung verbinden. Die im Programm BIWAQ (Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier) im Herbst 2020 aufgenommene Gemeinwesenarbeit wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) sowie mit Eigenmitteln der Stadt Krefeld finanziert. BIWAQ will in Städten und Gemeinden mit strukturschwachen Quartieren vor allem gemeinsam mit Bewohnern und Akteuren vor Ort neue Unterstützungsangebote schaffen. Unterstützt wird das Programm durch den Sozialen Quartiersmanager der Stadt, Sandy Schilling.

Beatrix Bos-Firchow und Saskia Griffig von der Hochschule Niederrhein und Gillen Kalverkamp von der Kom.ZFB (von links) arbeiten gemeinsam im BIWAQ-Projekt.  Foto: Stadt Krefeld, Kom.ZFBBeatrix Bos-Firchow und Saskia Griffig von der Hochschule Niederrhein und Gillen Kalverkamp von der Kom.ZFB (von links) arbeiten gemeinsam im BIWAQ-Projekt.
Foto: Stadt Krefeld, Kom.ZFB

Die Projektkoordinatorin Gillen Kalverkamp von der Kom.ZFB, sowie Saskia Griffig und Beatrix Bos-Firchow, Mitarbeiterinnen des Instituts SO.CON der Hochschule Niederrhein, erläutern im Interview, was ihre Arbeit in den Krefelder Stadtteilen Dießem und Lehmheide ausmacht.

Was zeichnet die Stadtteile Dießem und Lehmheide aus und warum ist das BIWAQ-Projekt eine Chance für die beiden Quartiere?
Gillen Kalverkamp: Die Stadtteile Dießem und Lehmheide sind, wie der Titel des BIWAQ-Projekts schon sagt, bunt und multikulturell. Hier leben viele Menschen mit Flucht- oder Migrationsbiographien, der Anteil der Erwerbslosen ist überdurchschnittlich hoch, ebenso der Anteil an Alleinerziehenden. Diese Ausgangssituation lädt geradezu dazu ein, mit vielen sozialen Akteuren und den Bewohnern aktiv zu werden. Die Aufgabe der Kom.ZFB liegt einerseits in der Koordinierung und Verbindung der unterschiedlichen Säulen des BIWAQ-Projekts und andererseits ganz konkret in der Beratung der Bewohner vor Ort. Zeitgleich wird immer wieder auch die Aktivierung der Bewohnerschaft angestrebt. So fand bereits ein Interreligiöses Gebet statt, und die städtische Aktion „Sport im Park" wurde unterstützt.

Wer kommt zu Ihnen in die Beratung, und wie erfährt man von dem Angebot?
Gillen Kalverkamp: Das Zauberwort heißt wohl auch hier „Vernetzung". Dank der guten Zusammenarbeit mit den Familienzentren, Kindertageseinrichtungen und Grundschulen treffen wir immer wieder auf Eltern, die in ihren Heimatländern gut ausgebildet wurden, die jedoch bislang nicht in den allgemeinen deutschen Arbeitsmarkt integriert werden konnten. Auch wenn die festen Sprechstunden zur Erstberatung in den Einrichtungen aufgrund von Corona bedingten Kontaktbeschränkungen wieder zurückgenommen werden mussten, profitieren die Bewohner vom bislang erreichten Bekanntheitsgrad des BIWAQ-Projekts vor allem über die sozialen Orte, wo sie oder ihre Kinder angebunden sind.

Mit welchen Themen kommen die Ratsuchenden zu Ihnen und wie können Sie konkret helfen?
Gillen Kalverkamp: Zum Teil fehlt es an ausreichenden Deutschkenntnissen und Erfahrungen mit den hiesigen Gepflogenheiten, um im Alltag besser zurechtzukommen oder eine bessere Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Ebenso machen bürokratische Hürden, wie zum Beispiel die Anerkennung von Schul- und Ausbildungsabschlüssen aus den Herkunftsländern, einen nicht unerheblichen Hilfebedarf bei den Ratsuchenden aus. Immer wieder wird deutlich, welch hohe psychische Belastungen in Folge von Flucht und Migration zu bewältigen sind. Hier fungieren die Berater als Lotsen zu spezialisierten Beratungsstellen oder bauen Brücken beim Eintritt in eine Qualifizierung oder eine berufliche Tätigkeit. In der Beratung zeigt sich, dass Jugendhilfe und Beschäftigungsförderung gewinnbringend ineinandergreifen, da oftmals der Aufschlag in der Beratung mit einem Elternteil beginnt und im Laufe des Beratungsprozesses letztlich das gesamte Familiensystem Unterstützung erfährt. Die Mitarbeitenden der Beratungsstelle unterstützen die Ratsuchenden bei Fragen zu Wohnungssuche, Strom- und Mietkosten oder Leistungsbezug sowie beruflichen Perspektiven. Oft zeigen sich dabei konkrete Qualifizierungsbedarfe. Und das genau bildet dann die Brücke zum BIWAQ-Kooperationspartner VHS, die für die Organisation der passgenauen Qualifizierungsangebote zuständig ist, zum Beispiel Deutschkurse, Kurse zum Erwerb beruflicher Schlüsselqualifikationen oder digitale Grundbildung.

Das Betätigungsfeld der Hochschule Niederrhein beinhaltet die Stärkung der „Lokalen Ökonomie" und die Begleitung der Gründung eines Sozialunternehmens. Welche Art von Sozialunternehmen soll im Krefelder Süden entstehen?
Beatrix Bos-Firchow: Das geplante Sozialunternehmen dient vor allem den Menschen, die noch nicht in der Lage sind, zeitnah in den allgemeinen Arbeitsmarkt einzusteigen. Es soll Ideen und vorhandene Ressourcen im Stadtteil aufgreifen. Angesprochen werden zum Beispiel lokale Unternehmer, soziale Verbände und die Lokalpolitik. Gemeinsam mit interessierten Einzelpersonen, wie gründungswilligen Studenten, Migranten oder auch Beratungskunden, soll sich ein Netzwerk für ein gemeinschaftlich getragenes Quartierszentrum etablieren. Durch die bereits vorhandene gute Vernetzung und Unterstützung durch viele Akteure im Stadtteil kristallisiert sich aktuell als Idee für ein Sozialunternehmen das Konzept offener Werkstätten heraus. Diese stellen den Bewohnern des Quartiers Räume für kreatives oder handwerkliches Gestalten zur Verfügung und bieten gleichzeitig Raum für Begegnung und Lernen, sowie Möglichkeiten der beruflichen Orientierung. Beginnend mit einer Nähwerkstatt und Angeboten für kreatives Werken (Malen, Basteln) wird über Upcycling- oder Nachhaltigkeitsprojekte auch das in Krefeld-Süd häufig angesprochene Thema des Müllaufkommens aufgriffen. Zukünftig sollen die Werkstätten Ausgangspunkt für ein Quartierszentrum mit Bildungsangeboten zum Beispiel der VHS und offenen Begegnungsmöglichkeiten werden.

Was genau versteht man unter „Lokaler Ökonomie"?
Saskia Griffig: Die lokale Ökonomie im Krefelder Süden ist insbesondere für die Versorgung der Quartiersbewohner mit Dingen für den täglichen Bedarf da. Das sind vor allem Kleinstunternehmern, oft ebenfalls mit migrantischem Hintergrund und zum Teil auch ethnischen Sortimenten. Unser Ziel ist es, sie gerade jetzt während der Corona-Pandemie zu stabilisieren. Da müssen neue Vertriebswege gefunden und Geschäftsabwicklungsprozesse neu gedacht werden, Kunden auch auf anderen Wegen als bisher üblich angesprochen werden. Ein Schwerpunkt ist daher die Unterstützung bei der Nutzung digitaler Möglichkeiten zur Vermarktung und Kundenansprache sowie neuen Ansätzen zum „Offlineshopping". Wir analysieren deshalb die Lage und versuchen, spezifische Maßnahmen abzuleiten und dann umzusetzen. Zu den Analysen gehört eine große Haushaltsbefragung, die wir in den kommenden Wochen starten wollen. 4.000 Bewohner von Dießem und Lehmheide werden per Zufallsprinzip ausgewählt und mit einem Fragebogen zu ihrer Wahrnehmung des eigenen Stadtteils befragt. Wir möchten herausfinden, wie die Menschen ihr Wohnumfeld erleben: Was verbinden sie mit ihrem Stadtteil und welche Stärken und Schwächen sehen sie dort? Uns interessiert ganz besonders, welche Geschäfte die Bewohner kennen und nutzen und welche Angebote sie vielleicht in ihrem unmittelbaren Umfeld vermissen. Auf dieser Grundlage können wir die lokalen Gewerbetreibenden dann durch Beratung und gezielte Schulungsangebote bedarfsgerecht bei ihrer unternehmerischen Weiterentwicklung unterstützen. Es wäre toll, wenn möglichst viele Bewohner an unserer Befragung teilnehmen. Sie nutzen so ihre Chance, Krefeld-Süd aktiv mitzugestalten. Aktuell erlauben es die Beschränkungen aufgrund der Pandemiebedingungen leider nicht, dass wir persönlich vor Ort so präsent sein können. Sobald die Umstände es erlauben, werden die Mitarbeitenden der Hochschule aber auch mit festen Sprechzeiten im Quartier für die Belange der Gewerbetreibenden erreichbar sein und die Vernetzung noch stärker vorantreiben. Bis dahin können sich Interessierte natürlich auch jederzeit telefonisch oder per E-Mail an uns wenden.