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Haus der Seidenkultur: Ausstellung über das Seidenweber-Dorf Hüls

Zuletzt geändert: 01.10.2021 14:16:52 CEDT

Albert Baur (1835-1906) war ein deutscher Maler der Düsseldorfer Schule. Für das Textilmuseum der königlichen Weberschule in Krefeld arbeitete er in den 1880er-Jahren an einem Zyklus der Darstellungen zur Geschichte der Seidenindustrie in Europa. Das bekannteste Gemälde für die Krefelder Stadtgeschichte ist sicherlich der Besuch Friedrichs, des Großen 1763 bei der Familie von der Leyen. Als kleine Kopie können es Besucher des Hauses der Seidenkultur auf einer Texttafel in der neuen Ausstellung „Mit dem Land verwoben, von Hauswebern und Seidenfabrikanten" entdecken. Das Bild steht symbolisch für den Glanz und den Luxus, den sich die Seidenbaron-Familien für ihre und nachfolgende Generationen erwirtschafteten. Der Prunk in den Häusern entlang der heutigen Friedrichstraße, die damalige erste Adresse der Stadt, basierte auf einem knallharten Textilgeschäft. Heute wie damals stellte sich die Frage: Wo kann man kostengünstig produzieren? Textilunternehmen begannen deswegen mit der Verlagerung von Produktionsschritten aus Krefeld in das Umland, wo ausreichend billige Arbeitskräfte lebten. Kuratorin Dr. Ulrike Denter eröffnet anhand des „Seidenweber-Dorfs Hüls" in der Ausstellung einen eher unbekannten Aspekt auf diese lokale Sozial- und Wirtschaftsgeschichte.

Geschichte der Hauswebereien in Hüls

Wie in Krefeld gründete sich die Textilwirtschaft in Hüls zunächst mit dem Weben von Leinenstoffen. „In Hüls wurde dann aber auch schon früh mit der Seidenweberei begonnen", sagt die ehrenamtliche Mitarbeiterin des Hauses der Seidenkultur. Produzenten und Verleger aus dem nahen Krefeld verlagerten einfache Vorarbeiten in die kostengünstigen Hauswebereien in Hüls. Erste Hinweise gehen auf einen Peter von der Leyen im 18. Jahrhundert zurück, der Löhne in Hüls bezahlte und selbst eine Zwirnerei und einen Seidenhandel betrieb. Zu der Seidenstoff-Herstellung gesellte sich im 19. Jahrhundert auch die Samtproduktion. Bis zum Beginn der Industrialisierung um 1880 standen so in den rund 1.350 Hülser Haushalten mindestens ein, manchmal sogar zwei Webstühle. Dass dort Kinder in der Produktion mitarbeiteten, galt als selbstverständlich.

Im Haus der Seidenkultur ist eine neue Ausstellung zur textilen Hülser Ortsgeschichte zu sehen. Pressesprecher Dieter Brenner und Kuratorin Dr. Ulrike Denter stellen sie vor. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, Jochmann
Im Haus der Seidenkultur ist eine neue Ausstellung zur textilen Hülser Ortsgeschichte zu sehen. Pressesprecher Dieter Brenner und Kuratorin Dr. Ulrike Denter stellen sie vor. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, Jochmann

Eine territoriale Besonderheit wirkte sich unmittelbar auf den Wirtschafts- und Produktionsstandort Hüls im 18. Jahrhundert aus. Mitten durch den Ort verlief die Landesgrenze zwischen der protestantischen Grafschaft Moers, später Preußen, und dem katholischen Kurköln. In dem religionsneutralen Moerser-Areal siedelten sich auch Mennoniten an, unter anderem die Vorfahren von Cornelius de Greiff, dem späteren „Krefelder Wohltäter". Dass um 1760 in Hüls eine Seidenmanufaktur gegründet wurde, beobachteten die Seidenbarone mit Argwohn. Schließlich handelte es sich um eine lästige Konkurrenz vor der eigenen Haustüre. Diese sollte mit einer preußischen Monopolzusage für die Krefelder ausgebootet werden. „Sie haben dann einfach die Produktion in den Kurkölner Teil von Hüls verlagert", berichtet Denter. Warum die Manufaktur um 1789 dann aufgegeben wurde, ist wegen fehlender Dokumente nicht zu erklären.

Ein Buch mit Stoffmustern. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, Jochmann
Ein Buch mit Stoffmustern. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, Jochmann

19. Jahrhundert: Hauswebereien verlieren an Bedeutung

Die Hauswebereien in Hüls verloren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wegen der Verbreitung der mechanischen Webstühle und ihrer einseitig wirtschaftlichen Ausrichtung schlagartig an Bedeutung. „Das war eine große Notzeit für die Hülser Weber, weil sie sich so abhängig gemacht haben", berichtet Denter. Suppenküchen und Arbeitslosenprogramm sollten die Armut lindern. Eine zweite Blüte erlebte die Textilwirtschaft in Hüls noch bis zum Ersten Weltkrieg vor allem mit der Firma Schröder. Sie unterhielt Standorte in New York, London und Zürich. Weltweit arbeiteten rund 7.400 Menschen für das Unternehmen. Die textile Geschichte Hüls' endete letztlich erst in den 2000er-Jahren mit der Schließung der letzten Seidenweberei an der Bruckersche Straße.

Die Ausstellung „Mit dem Land verwoben, von Hauswebern und Seidenfabrikanten" kann im Haus der Seidenkultur an der Luisenstraße 15 ab Sonntag, 26. September, ab 13 Uhr besichtigt werden. Es gilt die 3-G-Regelung. Die Vernissage wird am Sonntag, 26. September, live um 11 Uhr unter www.seidenkultur.de übertragen. Dort stehen auch weitere Hinweise zu den Öffnungszeiten und dem umfangreichen Rahmenprogramm. Die Ausstellung endet am 13. März 2022 und ist Teil des Themenjahrs „Provinz - provinciaal?" des Museumsnetzwerks Rhein-Maas im Kulturraum Niederrhein. Weitere Informationen stehen unter www.niederrhein-museen.de.