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Der Niederrhein als Biotop für das Altbier

Zuletzt geändert: 21.01.2021 15:31:14 CET

Für den Niederrhein ist ja so vieles typisch: Das flache Land mit seinen Kirchtürmen, die schwarz-weißen Kühe auf den Wiesen, Kopfweiden an kleinen Bachläufen, Karneval, Schützenfest, mancherorts auch noch die Kneipe an der Ecke oder im Dorf. In diesen Kneipen und an anderen Orten hält sich wacker das Altbier. In keiner deutschen Region trinken die Menschen so viel Altbier - der Niederrhein als Biotop für eine Biersorte. Die maßgeblichen Reservate bilden heutzutage die Hausbrauereien und wenige Großbrauereien. Gerade die Hausbrauereien stehen in einer langen Tradition, die auch in Krefeld bis in das Mittelalter zurückreicht.

Ein urkundlicher Nachweis über das Bierbrauen in Krefeld existiert erst Mitte des 16. Jahrhunderts. Der Landesherr, Graf Hermann von Neuenahr und Moers, bestätigt der Stadt ihre alten Rechte, unter anderem eine Biersteuer. Also muss dort schon vorher gebraut worden sein. Eine Anzahl der Brauer und Brauereien lässt sich für die Zeit jedoch nicht finden. In Krefeld können erst sicher für das im 18. Jahrhundert sechs Brauereistätten nachgewiesen werden. Eindeutige Abgaben stammen aus den Jahr 1819: In der Stadt befinden sich 39 und im Landbezirk 34 Brauereien, 1849 sollen es 99 Brauereien gewesen sein.

Waldschänke in Uerdingen um 1907, heute Stadtpark. Foto: Stadtarchiv KrefeldWaldschänke in Uerdingen um 1907, heute Stadtpark.
Foto: Stadtarchiv Krefeld

Zumeist besorgten sich die Bürger im Mittelalter (bis 1500) und in der Frühen Neuzeit (bis 1789) ihr Bier in der Nachbarschaft. Übrigens bildete das Brauen keine Männerdomäne, in historischen Quellen werden immer wieder Brauerinnen aufgeführt, die als Witwen oder eigenständig einen Betrieb führten. Die Brauer fungierten zudem oft als Wirte. Denn seit dem Mittelalter gehört in der Regel ebenfalls ein Ausschank zur Brauerei. Zwischen 1,5 bis 5 Liter Bier tranken Menschen pro Tag. Weil das Bier noch nicht gefiltert wurde, enthielt es viel mehr Nährstoffe und sättigte gerade die hart arbeitenden Menschen. Sie nutzten das Gebräu ferner zum Kochen, zum Beispiel für Biersuppen. Zudem durften die Christen während der über das Jahr verteilten Fastenzeiten Bier trinken - immerhin 150 Tage.

Fischelner Burghof an der Marienstraße 108 um 1910. Foto: Stadtarchiv KrefeldFischelner Burghof an der Marienstraße 108 um 1910.
Foto: Stadtarchiv Krefeld

Wie selbstverständlich Bier als Lebensmittel diente, lässt sich ferner daran erkennen, dass selbst die ortsansässigen, würdigen Armen regelmäßig Bier erhielten und zwar Dünnbier (Stüffersbier) sowie Starkbier (Gutbier). Wobei das Dünnbier das alltägliche Bier war. Als „würdige" Arme sahen die Bürger jene Gemeindemitglieder an, die unverschuldet in Not geraten waren. Unter den „unwürdigen" Armen verstanden sie fremde Bettler und Hausierer, die in Krefeld von einem Armenjäger vertrieben wurden. Die „würdigen" Armen besaßen für ihr Bier sogar einige Fässchen, die sie sich beim sogenannten Provisor hatten auffüllen lassen. Ein Provisor wurde für ein Jahr gewählt und die Ausübung galt als eine Qualifikation für das Bürgermeisteramt. Manchmal bekleidete der Bürgermeister, wie in Linn, das Ehrenamt sogar selbst. Für die Amtszeit 1662 des Krefelder Provisors und Wirtes Wilhelm Hülß existieren auch Zahlen: Die damals rund 20 Hausarmen erhielten im Schnitt jeder 200 Liter Bier in dem Jahr, wobei je Person die Zahl nach oben beziehungsweise unten schwankte. Diese rund 4.000 Liter wurden aus der hiesigen Armenkasse bezahlt. Kranke bekamen sogar umgehend vom Provisor einen Liter Starkbier geschickt.

Am linken Niederrhein blieb der Wein noch bis ins 16. Jahrhundert das Hauptgetränk. Die „Kleine Eiszeit" sorgte jedoch für immer schlechtere Jahrgänge, so dass das Bier in der Region immer mehr Zuspruch fand. In dieser Zeit begann der Hopfen als Würzmittel die Grut-Mischung zu verdrängen. Mit der Kombination Wasser, Gerstenmalz und Hopfen braute man eine erste Version des „Altbiers". Die war günstiger in der Herstellung und hielt sich länger, was einen Export ermöglichte. Diese neue Form des obergärigen Biers kam aus den Hansestädten an der Nordseeküste. Am Niederrhein wehrten sich die hiesigen Brauer zwar gegen die Einfuhr des ausländischen Bieres. Doch es schmeckte den Menschen einfach besser als das Gruten-Bier.

Kriegsgespann 1916 der Brauerei Tivoli. Foto: Stadtarchiv KrefeldKriegsgespann 1916 der Brauerei Tivoli.
Foto: Stadtarchiv Krefeld

Bei den Bieren des Mittelalters handelt es sich um obergärige Biere. Bei dieser warmen Gärung setzt sich die Hefe oben ab, bei der untergärigen, kalten Gärung am Boden. Obergäriges Bier benötigt eine kürzere Gär- und Lagerzeit als das Untergärige. Die Behauptung, das „Altbier" habe seinen Namen wegen einer längeren Lagerzeit, stimmt nicht. Vielmehr handelt es sich um die ,,ältere Brauart". Denn das untergärige Gären kam erst im 15. Jahrhundert auf. Es sollte sich in den folgenden Jahrhunderten immer mehr durchsetzen - nur am Niederrhein hielt sich das Altbier, weil dort einfach zu schlechte Kühlmöglichkeiten existierten. Das änderte sich um 1850, als Brauer begannen, ihre Keller mit Natureis zu kühlen. Aber auch das bot keine perfekte Basis zum Brauen von untergärigem Bier. Erst mit der Erfindung der Kühlmaschine 1871 konnte am Niederrhein problemlos untergäriges Bier produziert werden. Mit der technischen Entwicklung im Brauereiwesen verbesserte sich aber auch die Qualität des „alten Biers" immer mehr und das „Alt" behauptete sich quasi in einer Nische am Niederrhein - bis heute.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts folgte auch in Krefeld im größeren Umfang die gewerbliche Produktion. Im Zuge der Industrialisierung entstanden große Brauereien wie Tivoli und Rhenania, kleinere Betriebe gingen in ihnen auf oder wurden geschlossen. Den Konzentrationsprozess in der Brauereilandschaft hat so kaum eine hiesige Brauerei überstanden. Hausbrauereien können sich mit Altbier aber immer noch gut in der Region behaupten. Dennoch scheint das Altbier immer mehr auf dem Rückzug zu sein: Beim Bierkonsum hatte das Altbier 2019 einen bundesweiten Marktanteil von 0,7 Prozent, Tendenz fallend.