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2019, 2 - Zeitkolorit - Mode und Chemie im Farbenrausch (29. September 2019 bis 30. August 2020)

Ausstellung im Rahmen des Bauhausjahres

Mit der neuen Ausstellung „Zeitkolorit - Mode und Chemie im Farbenrausch", die im Deutschen Textilmuseum Krefeld gezeigt wird, eröffnet Annette Paetz gen. Schieck mit ihrem Team ein wahres Feuerwerk an Farben, Formen, Stoffen - und auch an Chemiekunde.

Die Ausstellung legt den Schwerpunkt auf die Entwicklung der Mode, insbesondere der Damenmode der 1850er bis 1930er Jahre, und fokussiert sich auf den Aspekt der Farbigkeit. Untrennbar damit verbunden ist die Geschichte der synthetischen Farbstoffe, deren Erfindung 1856 eher zufällig geschah. Der Kontrast zwischen dem Ausgangsmaterial Teer, einem Abfallprodukt der Kohleverarbeitung, und dem ersten leuchtend violetten Farbstoff, Mauveïn, konnte nicht größer sein.

Mode im Farbenrausch - ein Erlebnis für die Sinne
Die Entdeckung des Mauveïn-Farbstoffs setzte eine enorme wirtschaftliche Produktivität in Gang, die insbesondere der deutschen chemischen Industrie einen international führenden Rang bescherte. In immer kürzeren Abständen wurden neue Textilfarben entwickelt und gleichzeitig die Modeindustrie angetrieben, immer schneller wechselnde Farbentrends auf den Markt zu werfen. Dies und die deutlich kostengünstigere Produktion, machten die neuen Kleiderfarben für eine breitere Bevölkerungsgruppe erschwinglicher als zuvor, da die meist importierten Pflanzenfarbstoffe sehr kostspielig und nur für wohlhabendere Kreise zugänglich waren. Die explosionsartigen Neuentwicklungen an synthetischen Modefarben führten zu einem Farbenrausch, der zugleich eine große Verwirrung in Geschmacksfragen und Stilsicherheit bewirkte. Oftmals hatten die neuen Farben jedoch schädigende Nebeneffekte für die Gesundheit der Färber, Trägerinnen und Träger und die Umwelt.
Im Zentrum der Ausstellung steht eine Auswahl von ca. 50 Kleidern und zahlreichen Accessoires aus der Sammlung des Deutschen Textilmuseums Krefeld, die in chronologischer Reihe präsentiert werden.

Chemie im Erfolgsrausch
Einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung bildet die Geschichte der Farbenchemie, in der Krefeld als Produktionsstandort eine besondere Bedeutung hatten. Daran erinnert eine Laborsituation mit historischem Mobiliar, Glasgefäßen, Rezeptbüchern zur Farbenherstellung, Musterbüchern mit gefärbten Garnen und Textilien sowie eine Auswahl von etwa 190 originalen Farbstoffgebinden aus der über 10.500 Gebinde umfassenden Sammlung der Hochschule Niederrhein. Das besondere Highlight ist ein Fläschchen mit Mauveïn aus der Farbstoffsammlung der TU Dresden.

Projektpartner und Förderer
Diese Ausstellung ist der Beitrag des Deutschen Textilmuseums im Verbundprojekt „Weltbunt", das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Zeitraum 2017 bis 2020 gefördert wird. Es dient der Erforschung der historischen Farbstoffsammlung und Farbstoffe der Hochschule Niederrhein Krefeld und der Anwendung der synthetischen Farbstoffe in der Mode. Die historischen Gebinde stammen vor allem aus dem späten 19. Jahrhundert und wurden zu Testzwecken an die Vorläuferinstitution der Hochschule gegeben. Die Ergebnisse der dort durchgeführten Testfärbungen wurden an die Industrie zurück gemeldet und hatten Einfluss auf die Weiterentwicklungen oder das Verwerfen von Produkten. - Daher wird das Projekt von der Hochschule Niederrhein koordiniert. Projektpartner sind das Deutsche Textilmuseum Krefeld, das TextilTechnikum Rheydt, die TH Köln und die TU Dresden.

Zur Ausstellung ist eine umfangreiche Begleitpublikation "Zeitkolorit" erschienen.

Édouard Bénédictus

Das Deutsche Textilmuseum Krefeld hat seine Ausstellung „Zeitkolorit - Mode und Chemie im Farbenrausch" um neue Objekte und damit auch einen neuen Aspekt erweitert: Erstmals präsentiert es 16 von 20 Tafeln des seltenen und in limitierter Auflage hergestellten Mappenwerkes von Édouard Bénédictus (1878-1930), das 1924 erschien und 1926 erneut aufgelegt wurde. Damit eröffnet das Textilmuseum einen Blick auf die Farbgestaltung von Textil- und Tapetenmuster der 1920er Jahre in Frankreich, ein Thema, das bislang in der Ausstellung nicht betrachtet wurde.

Bénédictus gilt unter den französischen Künstlern und Entwerfern des frühen 20. Jahrhunderts als Multitalent mit außergewöhnlich vielseitigen Begabungen. Er war Musiker, Künstler, Designer, Bühnenbildner, Chemiker, und als solcher entwickelte er ein Sicherheitsglas für Autoscheiben, das während des Ersten Weltkriegs verwendet wurde.

Bei den Tafeln handelt es sich um kunstvoll gefertigte Reproduktionen der 1922 von Bénédictus in Gouachemalerei ausgeführten Dekorationsentwürfe für Stoffe und Tapeten. Sie wurden 1924 unter dem Titel „Variations" in einem Mappenwerk mit 20 Tafeln veröffentlicht, umgesetzt in der aufwändigen Schablonentechnik (franz. pochoir). Jede Tafel zeigt mehrere Muster, die spannungsreich kombiniert wurden. Dadurch entstanden überraschende gestalterische Gesamtwirkungen der Dessins, die noch heute faszinieren, auch weil sie ihre frische Farbigkeit bewahrt haben.

Die oftmals subtilen und satten Farbeffekte der Schablonen-Koloration mit ihren metallfarbenen Höhungen konnten bis weit in das 20. Jahrhundert hinein mit keinem Druckverfahren erreicht werden. Diese Art von Mappenwerken in luxuriösen, limitierten Auflagen mit Künstlerentwürfen zählen deshalb heute zu den äußerst seltenen bibliophilen Sammlerstücken, die von Museen ebenfalls gern erworben werden.