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2011, 2 - "Was vom Tage übrig bleibt ..." - Zur Geschichte der Krefelder Seidenfabrik Wilhelm Schroeder (29. Mai bis 28. August 2011)

Dies ist eine ungewöhnliche Ausstellung für das Deutsche Textilmuseum, das sich einer bedeutenden Textilsammlung aus zwei Jahrtausenden rühmt und seinen Besuchern vor allem historische Textilien zu präsentieren gewohnt ist - und doch auch wieder nicht. Ungewöhnlich ist sie, weil die ausgestellten Textilien eher neuzeitlich und ganz eigener, eher privater Natur sind, und doch ist sie angemessen, weil hier eine für Krefeld bedeutende Phase seiner Textilgeschichte anhand einer der wichtigsten Krefelder Firmen der 2. Hälfte des 19. und noch vom Anfang des 20. Jahrhunderts aufgearbeitet wird.

Wilhelm Schroeder (Gemälde von Franz von Lenbach, 1880er Jahre)

Alles fing damit an, dass dem Museum der textile Nachlass der Dorothea von Scheven angeboten wurde. Die ungewöhnliche Fülle an selbst genähten Kleidern und zahlreichen unterschiedlichen Handarbeiten, insbesondere Quilts und Stickereien, alle mit großer Sorgfalt ausgeführt, ließen ahnen, dass es sich hierbei um eine besondere Person gehandelt haben musste.

Es stellte sich heraus, dass Dorothea von Scheven die Urenkelin von Wilhelm Schroeder war, einem für Krefeld im 19. Jahrhundert wichtigen Unternehmer, der seine Seidenfabrik Wm. Schroeder & Co. schon früh international ausweitete und zur bedeutendsten in ganz Deutschland gemacht hatte, wie es 1894 in der Begründung hieß, mit der er für den Titel des königlichen Kommerzienrates vorgeschlagen wurde.

Nach Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und dem Zusammenschluss mit der Wuppertaler Firma Gebhard & Co. im Jahre 1922, arbeitete das Unternehmen noch bis 1973 unter dem Namen Gebhard auch in Krefeld weiter. Dann ging die Firma in Konkurs.

Im Obergeschoss der Ausstellung zeigen wir die Arbeiten der Dorothea von Scheven, in deren Adern, so möchte man sagen, textiles Blut zu fließen schien. Sie sind, im wahrsten Sinne des Wortes, „was vom Tage übrig bleibt..."

Im Erdgeschoss werden zahlreiche Dokumente, Briefe, Fotos, Geschichten sowie Gemälde präsentiert, die mit der Familie und dem Unternehmen des Wilhelm Schroeder zusammenhängen und ein zwar unvollständiges, aber in Einzelheiten sehr erhellendes Bild von seiner Persönlichkeit und dem Ablauf der Vorgänge in seiner Fabrik geben. Wer sich die Mühe macht, die vielen Texte zu lesen, die im Original und teilweise in Abschrift ausgestellt sind, wird viele Facetten einer deutschen Seidenfabrik im 19. Jahrhundert beleuchtet finden, angefangen von der Umstellung auf mechanische Webstühle, über die Suche nach dem besten Rohmaterial Seide, die Sorge um die Arbeiter oder den Ärger bei der Teilnahme an der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900.

Die Nachfahren des katholischen, aus einfachen Verhältnissen stammenden Gerbersohn Wilhelm Schroeder sind schließlich durch Heirat mit den mennonitischen Krefelder Seidenbaronen verbunden, so dass die Ausstellung eine durch Erbschaft an die Nachfahren gelangte Bibel der Adele Scheuten, geb. von der Leyen, zeigen kann.