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2002, 2 - Nach Rang und Stand (24. März - 23. Juni 2002)

Weit mehr als bisher angenommen spielten zivile Uniformen im Deutschland des 19. Jahrhunderts eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Neben dem Militär hatte fast jede Sparte des öffentlichen Dienstes ihre eigenen Dienst- und Beamtenuniformen. Die Fürstenhöfe, immer noch Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland, verlangten Uniformen bei offiziellen Anlässen. Die Uniform verschaffte dem Mann eine würdevoll stattliche Haltung und gesellschaftliches Ansehen. So bevorzugten viele Damen ihre Männer in Uniform. Begeisterte Kinder wurden in Miniaturversionen der Uniformen ihrer Väter gesteckt und stolz fotografiert. Wie keine andere Kleidung symbolisiert die zivile Uniform den modernen und zugleich konservativen Charakter der Gesellschaft und das neue Bild des Mannes im 19. Jahrhundert.

Ziel dieser Ausstellung ist es, einen wenig bekannten aber um so interessanteren Bereich aus der Geschichte der Herrenbekleidung zu zeigen und einen neuen Beitrag zur Kleidergeschichte zu leisten. Die Ausstellung wird die vielschichtige kulturhistorische Bedeutung der zivilen Uniform untersuchen. Einerseits unterstützte die weite Verbreitung der Uniform konservative gesellschaftliche Bestrebungen im 19. Jahrhundert, andererseits trieb sie aber auch neue Entwicklungen voran. Die Uniform veranschaulicht die Konstruktion des Geschlechterverhältnisses im 19. Jahrhundert, das bis in unsere Zeit wirkt. Die Beamtenuniformen unterstützten den Aufbau und die Macht der staatlichen Bürokratie und waren ein wichtiger Vorläufer der modernen Berufsuniform. Schließlich diente die Hofuniform dem Adel als Mittel zur Verteidigung seiner gesellschaftliche Privilegien in jenem Jahrhundert, als die bürgerlichen Kräfte entscheidend an Einfluss gewannen.

Zum ersten Mal werden Ziviluniformen aus den verschiedenen deutschen Königreichen und Fürstentümern in einer Ausstellung zu sehen sein. Es ist geplant, dass ungefähr 120 Uniformen ausgestellt werden. Accessoires, Gemälde, Grafiken, Fotos und andere Objekte dokumentieren die kulturhistorische Bedeutung der Uniformen. Die Hälfte der Uniformen stammt aus der Sammlung Eltz-Rübenach, die sich im Hause des Textilmuseums befindet. Diese in Deutschland einmalige Sammlung besitzt sehr schöne Ziviluniformen und Livreen aus dem höfischen Bereich. Um aber die weite Verbreitung der Uniformen auch im bürgerlichen Leben zeigen zu können, werden Dienst- und Galauniformen von Beamten aus anderen deutschen Museen und Privatsammlungen ausgeliehen.

Die Dienst- und Beamtenuniformen aus den verschiedenen Bereichen, wie u.a. Post, Bergbau, Eisenbahn, Polizei und Forstverwaltung, waren nach Rang unterschiedlich prächtig ausgestaltet. Sie illustrieren die ausgeklügelte Hierarchie der staatlichen Verwaltungen, die ihre Beamten damit priviligierten und gleichzeitig disziplinierten. Die prachtvollen Uniformen der höheren Beamten, der Minister und Diplomaten zeugen von den hohen Repräsentationsansprüchen der deutschen Fürstentümer und Königreiche.

Auch die Uniformen der Studenten, die sich im 19. Jahrhundert zwischen Auflehnung und Anpassung an die Staatsmacht bewegten, finden hier einen Platz. Die aufwendigen Uniformen der Kammerherren, der Hofoffizianten sowie die beeindruckenden Livreen der Dienerschaft demonstrierten die gesellschaftlichen Bedürfnisse der höfischen Gesellschaft.

Zu diesem Bereich gehörten auch die Uniformen des Adels, wie die der Standesherren, der Ritterschaften und die Ornate der adeligen Ritterorden. Sie sollten den exklusiven Stand des Adels besonders augenscheinlich machen. Schließlich kann man in der Ausstellung etwas über die Kunst des Uniformenherstellens erfahren, zu der u.a. die Schneiderei, das Knopffertigen und das Goldsticken zählen.

Darüber hinaus zeigt die Ausstellung ein amüsantes Stück Krefelder Heimatgeschichte. Die Geschichte der Krefelder Tanzhusaren bietet wunderbares Anschauungsmaterial für die Rezeption des uniformierten Mannes in der wilhelminischen Zeit.

Zu der Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen. Zahlreiche Fachleute und Wissenschaftler haben Aufsätze beigesteuert, in denen sie die verschiedensten kulturhistorischen Aspekte der Ziviluniformen untersuchten.