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2000, 2 - Zarte Bande aus Marokko (27. August - 12. November 2000)

Das Deutsche Textilmuseum Krefeld wird am 27. August 2000 eine Ausstellung marokkanischer Textilien eröffnen, die bereits in Teilen 1999 im Haus des ehemaligen deutschen Botschafters in Marokko, Herrn Dr. Herwig Bartels, in Marrakesch gezeigt wurde.

Der damalige Titel der Ausstellung "points et entrelacs" (zu übersetzen mit: Stiche und Bindungen) verweist auf den unterschiedlichen Charakter zweier Sammlungen, die sich gleichwohl zu einem gemeinsamen Bild des Landes Marokko verbinden lassen.

Lucien Viola hat mit dem Spürsinn und der Leidenschaft des echten Sammlers eine großartige Ansammlung von Webereien zusammengetragen, wie sie einst von den nomadischen Bebervölkern des Atlasgebirges in Marokko erstellt wurden und heute nur noch selten überhaupt zu finden sind. Die Kenntnisse der textilen Techniken, sowie die von Generation zu Generation vermittelten handwerklichen Fähigkeiten und tradierten Ornamente, sind inzwischen in einer stark veränderten Gesellschaft auch unter den Berbern praktisch nicht mehr vorhanden.

Den Betrachter erfreuen nicht nur die kraftvollen Farben, die subtilen, bedeutungsvollen Ornamente, die Vielfalt der Techniken und ihr teilweise bestechender Schwierigkeitsgrad, sondern auch die Geschichte, die ein jedes Textil über den Besitzer oder den Verwendungszweck erzählt - Geschichten von Hoffnung und Liebe, von Glaube und Trauer, die Viola und seine Helfer zusammen mit den Objekten gesammelt und bewahrt haben.

Ganz anders die Sammlung von Frau Tamy Tazi, die vor mehr als 20 Jahren als eine der ersten verstanden hat, dass die Stickereien der vornehmen marokkanischen Städterinnen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts nicht nur eine Augenweide, sondern ebenfalls Zeichen und Überbleibsel einer bereits fast vergangenen Kultur sind. So sammelte sie nicht nur aus ästhetischem Vergnügen, sondern weil sie diesen Teil der Vergangenheit ihres Landes Marokko dokumentieren und der Nachwelt erhalten wollte. Unter ihren Stücken finden sich die unglaublich feinen Stickereien aus Fez oder Meknès, die den Betrachter leicht über die Frage nach der Vorder- oder Rückseite in Verwirrung stürzen können, so kunstvoll und letztlich ununterscheidbar sind sie gearbeitet. Dem stehen die von kühnen, lauten, frohen Farbzusammenstellungen geprägte Stickereien von Rabat gegenüber. Gemeinsam künden sie von der Phantasie und dem Können der Frauen, die sie gefertigt haben, und die wenig andere Möglichkeiten der Verwirklichung ihrer Persönlichkeit durch eigene schöpferische Aktivitäten hatten. Ans Haus gebunden, von Arbeit durch zahlreiche Helfer befreit, fanden sie sich zusammen, um gemeinsam in den Kissen und Behängen, in Bettdecken und anderen Aussteuerstücken ihr Können zu zeigen, aber sicher auch vieles mehr zum Ausdruck zu bringen: Hoffnung und Lebensfreude, Ehrgeiz und Enttäuschung.

Marokkanische Kunst und Textilien vor allem, sind in Deutschland eher unbekannt. Mit der Ausstellung soll ein faszinierender Bereich fremder Textilkunst nach Krefeld gebracht und gleichzeitig eine Hand ausgestreckt werden zum Verständnis eines so schönnen und gleichzeitig für uns so geheimnisvollen Landes wie das Königreich Marokko.