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2000, 1 - Biedermeierstoffe (18. April - 23. Juli 2000)

Das Deutsche Textilmuseum zeigt "Biedermeierstoffe", zumeist aus dem Österreichischen Museum für angewandte Kunst in Wien. Ergänzt werden die Mustercoupons zahlreicher Wiener und niederösterreichischer Firmen, die schon am Anfang des 19. Jahrhunderts auf Anregung des österreichischen Kaisers, Franz I., und seines Sohnes, des Erzherzogs Ferdinand, in Sammlungen zusammengestellt wurden, von Kleidern der Zeit aus dem Historischen Museum in Wien, sowie von Kleidermodellen im Kleinformat aus dem Rollet-Museum in Baden bei Wien und von Objekten aus dem Besitz des Deutschen Textilmusems Krefeld.

Ebenso wie Franz I. in seinem "Fabriksproduktenkabinett" eine Zusammenstellung der vielfältigen Erzeugnisse der österreichischen Industriebetriebe als Dokumentation sowohl der Fähigkeiten seines Landes als auch des Zeitgeschehens allgemein anstrebte, war der Badener Arzt und Naturwissenschaftler Anton Rollett an der Bewahrung von Kenntnissen und zeitgenössischen Moden, die er von Damen aus seinem Bekanntenkreis in Baden bei Wien ausführen ließ und die uns auf den ersten Blick wie bloße Puppenkleidchen erscheinen, sind im Gegenteil nicht zum Spielen, sondern als ersthafte Dokumentation gemeint. Neben fertig ausgeführten Kleidern, Schürzen, Mänteln finden sich auch Schnitte von Kleidern oder Kleiderteilen, wie etwa von verschiedenen Ärmeln u. a. m. Rolletts "Sammlung weiblicher Handarbeiten" war eine Abteilung seiner "Technologischen Sammlung", in der er die damals bekannten Techniken möglichst vollständig in Beispielen erhalten wollte.

Die schönen Damenkleider und Accessoires aus dem Historischen Museum in Wien geben ebenso wie der wundervoll bestickte Herrenhausmantel aus braunem Samt eine Ahnung von der modischen Eleganz und der Gediegenheit der Zeit.

Daneben gibt es aber durchaus Hinweis darauf, dass die Zeit nach dem Wiener Kongreß keineswegs allein gemütvoll, harmlos und beschaulich war, sondern auch die zeit des Vormärz und dass sie den Keim der Revolution von 1848 on sich barg. Die reizenden Schutenhüte der Damen reduzierten ihre Sicht gleichwohl auf einen hufeisenförmigen Ausschnitt der Welt und könnten damit in gewisser Weise als Symbol für die engen Grenzen gedeutet werden, die die Obrigkeit den Menschen damals zubilligte. Und in so manchen Farbkombinationen der Stoffmuster wird deutlich, dass im Biedermeier keineswegs allein Streifen und idyllische Blumenmuster die Textilentwürfe beherrschten, sondern vielfach geradezu schreiende Zusammenstellungen durchaus das unterschwellige Gären in der Gesellschaft beschreiben.

Den größten Teil der Ausstellung bestreiten Mustertafeln aus den unterschiedlichsten, hauptsächlich in Wien ansässigen Firmen, die heute im Museum für angewandte Kunst ebendort aufbewahrt werden. Hier findet der Besucher die unendliche Vielfalt der bunten, einfarbigen und gemusterten Seiden, Samte, Baumwoll- oder Leinentücher, Stoffe für Westen oder Hauben, Dünntücher zum Schmuck der Damen, Möbelchintze, Sack- und Schnupftücher, Matratzenbezüge oder Kirchenstoffe, "orientalischer Tüchelmuster", ebenso wie "gestreifte Giletstoffe", bedruckte Musseline, "Felpel" (Fellchen) oder "quadrillierter Popeline".

Nicht nur der Kaiser und sein Sohn, auch Paul Mestrozi, der am Anfang des 19. Jahrhunderts selber Seidenfabrikant in Wien war, sammelte, leider ohne Angabe der jeweiligen Herkunft der Muster, Stoffstücke auch seiner Konkurrenten, die er zu kleinen malerischen Textiltafeln zusammenfügte. Plakat und Einladung der Ausstellung entstammen einer solchen Mestrozi'schen Komposition.