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1999, 3 - Kaschmir - Schals (14. November 1999 bis 12. März 2000)

Ex oriente lux: Kaschmir entsandte die ersten farbigen Impulse an die monotone Mode zu Beginn der Neuzeit. Leuchtende Farben, zu kostbaren Schals gewirkt aus dem flaumweichen Haar der Changra-Ziege, verliehen den Damen aus europäischem Adel seit 1800 blühende Frisch, indem sie die elfenbein- oder pastellfarbenden Hemdkleider um bunde Akzente belebten und ihre Trägerinnen vor Erkältungen (Musselinkrankheit) schützten.

Die europäische Mode vertauschte die Geschlechter: Waren es hier die Frauen, die sich in die importierten Schals hüllten, so war der Schal im islamischen Kulturkreis (persisch-arabisch: shal, chalat, chylat) ausschließlich den Männern vorbehalten. Oft als Würdezeichen verliehen, diente er als Turban, Schärpe, Hals- und Schultertuch oder als Umhang. 1664, in dem Jahr, als sich Frankreich unter Außenminister Colbert der East India Company angeschlossen hatte, bereiste Francois Bernier das Kaschmirgebiet, das seine Unanhängigkeit bereits 1586 an den Großmogul Akbur verloren hatte, beschrieb erstmals die dort ansässige Schulwebereien und schwärmte von allem von der Weichheit der Wolle, die damls wie heute aus dem feinen Flaum unter dem Bauchhaar der Changra-Ziege gesponnen wird. Die rauhen Klimaverhältnisse und die harten Winter auf den Weidegründen der 4.500 Meter hohen Bergregion Kaschmirs sind der Voraussetzung dafür, dass die Wildziege das begehrte Unterhaar ausbildet.

Die Erfindung der Schulweberei soll auf den turkmenischen Weber Naked Begh zurückgehen, den Sultan Zayen al-Abidin im 11. Jahrhundert nach Kaschmir holte. In arbeitsteiligen Manufakturbetrieben benötigten drei Weber, denen ein Zeichner den Wntwurf geliefert und ein Farbgeber die Kettfäden nach Farbeinträgen sortiert hatte, für einen Schal des Formats 4,5 x 1,5 Metern, wie es um 1820 in Europa besonders beliebt war, eineinhalb bis drei Jahre. In die im Reserveverfahren eingefärbte Kette werden mithilfe kleiner Holzspulen (Bobinen) die gefärbte Garne entsprechend dem Entwurf köperbindig eingetragen (Wirkerei).

Beim Farb- bzw. Spulenwechsel werden die Fäden einmal miteinander verschlungen, um den Einträgen dauerhaften Halt zu geben. Aufwendige Musterungen können auf einer Breite von 5 cm bis zum 20 Farbwechseln aufweisen. In dieser Technik fangen die Weber Kaschmirs während der Mogul-Ära (1586 bis 1753) die prachtvolle Flora, Fauna und Ornamentik der Kunst ihrer islamischen Herrscher ein. Zierliche Blüten und Bouquets in Vasen wie auch Girlanden und Vögel säumten in bis zu 300 Farbnuancen als Bordüren das federleichte Gewebe.

Die Großmogulen ihrerseits nutzten die gewirkten Kunstwerke ihrer Untertanen als Staatsgeschenke im orientalischen Raum und gewinnträchtige Exportprodukte für Europa.

Während des letzten Viertels des 18. Jahrhunderts erkannten die Engländer als erst die schmückende und wärmende Qualität der Kaschmirschlas, um die schlichten, leichten Baumwollkleider der Ladies zu ergänzen, die sich in Fragen der Mode vom französischen Hof emanzipiert hatten und der Künstlichkeit des Rokoko die Natürlichkeit des Neoklassizismus vorzogen. Für die Grande Nation gab kein geringerer als der zukünftige Kaiser Napoléon I. den Startschluß für die Kaschmirmode. 1798 übersandte Général Bonaparte seiner Joséphine, der Witwe Beauharnais, Liebesgrüße aus Ägypten in Gestalt eines Kaschmirschals, der den Grundstock ihrer Sammlung bildete, die schließlich auf an die 60 Originalimporte anwuchs, das Stück im Wert von 8.000 bis 12.000 alte französische Francs.

Die Muster der Kaschmirschals korrespondierten bestens mit ihrer Garderobe à l'antique, den einfachen Musselinkleidern in hellen Beige- oder Pastelltönen mit hoher Taille; denn inzwischen hatten die Weber Kaschmirs unter der Fremdherrschaft der Afghanen (1753 bis 1819) oder im Exil einer benachbarten indischen Provinz einen strengeren Stil ausgebildet, der vom Boteh-Motiv dominiert wurde. Boteh, abgeleitet vom Hindu-Wort buta in seiner Bedeutung Blume, Knospe, bezeichnet die ovale Blattform mit ausgezogener und eingerollter Spitze. Synonym werden heute für Boteh die Begriffe Kaschmirmuster, Paisley, nach der schottischen Stadt, in der seit 1808 Kaschmirschals nachgewebt wurden, und in der französischen Texilforschung Palme verwendet. Die stilisierte Form des Boteh, gefüllt mit Blüten und Blattwerk diente fortan bis zum Ende der Kaschmirmode zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges als Leitmotiv.

Der Kaschmirschal avancierte zum Inbegriff der gut situierten Ehefrau und krönte als Brautgeschenk das erfolgreiche Werben des Bräutigams. Für die arrivierte Dame der Gesellschaft stellte sich der Kauf eines orignalen Kaschmirschals alternativ zum Erwerb eines Landauers: Der immse Preis eines Schals und seine modische Dominanz zusammen mit der Kontinentalsperre forderte den Erfindergeist der Textilfabrikanten heraus, das begehrte Accessoire zu imitieren. Seide pur oder in Verbindungen mit feinster Merinowolle sollte preiswerte einheimische Pendants bieten. Die Damen des aufstrebenden Bürgertums nahmen an, die tonangebenden Trendsetterinnen des Adels lehnten ab.

Erst 1816, zwei Jahre nach der Niederlage Napoléons, wurde in Frankreich von russischen Messen echte Kaschmirwolle eingeführt und verarbeitet. 1818 rüsteten die Webereien ihre mechanischen Webstühle mit einem Jacquardmechanik aus. Von nun an nahm die europäische Kaschmirschalproduktion nach französischem Vorbild einen rasanten Aufschwung, da die Schals auch die Mode der Restauration und des Biedermeier, die Stilhouette mit schulterfreien Décolletés, auf gebauschten Ärmeln und weiten Röcken nicht zuletzt als Mantelersatz bereicherten: Die traditionellen Wollwebereien in Schottland, in Paisley, Edinburgh und Norwich, die sich seit Jahrhundertbeginn auf die Herstellung der Schals konzentriert hatten, richteten ihre Betriebe mit Jacquardwebstühlen ein.

1810 wartete die Wiener Firma Blümel mit österreichischen Interpretation auf, die sie auf den Messen und Märkten in Osteuropa und in den USA anbot. In Deutschland begleiteten Firmen in Elberfeld und Berlin die Endphase der Kaschmirmode mit eignen Beiträgen. Der Grund für die beschleunigte Produktion lag darin, dass die Musterschüsse durchgeführt (lanziert) und die auf der Unterseite flottierenden Fadenpartieen anschließend abgeschnitten wurden, so dass innerhalb weniger Wochen am Jacquardwebstuhl ein Schal entstand, auf deren Herstellung die Handweber Kaschmirs Jahre verwenden mussten - allerdings blieb die Qualität des Originals unerreichbar. Damit verringerte sich der Preis um das Zehnfache. Die Muster allerdings verbrauchten sich zehnmal schneller.

Spezialisierung war die Folge: Musterentwerfer gründeten eigene Ateliers und belieferten Schalwebereien mit Entwürfen, in denen sich die Begeisterung für die Möglichkeiten der präzisen Technik Bahn brach: Die ursprünglich kleinen Botehs nehmen an Zahl an und an Größe zu, verlängern sich zu Vörlaufern des Art Noveau inmitten tropischer Traumlandschaften, die durch mehrfarbige Gründe beleuchtet und in dynamisch asymmetrischen Kompositionen variiert werden. Die Verwendung der ersten künstlichen Farbstoffe seit 1856 steigerte die Wirkung der Musterungen zu psychodelischem Taumel.

Händler und Agenten pendelten zwischen den europäischen Herstellungszentren und denjenigen in Kaschmir und Nordindien, um Wolle, Garne und Muster einzukaufen, Entwürfe auszutauschen aber auch, um nach europäischen Vorlagen weben zu lassen. So sehr sich auch die Kaschmiri bemühten, der Konkurrenz durch rationalisierte Arbeitsteilung standzuhalten, es gelang ihnen nicht. 1877 fielen die meisten einer Hungersnot zum Opfer.

Sieben Jahre zuvor, nach 70 Jahren Präsenz in jedem Modebild, verdrängte die Turnüre, das aufgepolsterte Gesäß, den Kaschmirschal von seinem angstammten Platz und wies ihm seine neue Funktion als Flügeldecke oder Portière zu.

Zu allen Etappen in der Geschichte des Kaschmirschals zeigt das Deutsche Textilmuseum Beispiele aus eigener Sammlung.