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1998, 2 - Menschen, Nasen, Taschentücher (25. Oktober 1998 bis 24. Januar 1999)

Das Deutsche Textilmuseum zeigt eine ungewöhnliche Ausstellung, in deren Mittelpunkt der alltägliche Gegenstand Taschentuch steht. Die über 200 Leihgaben sowie Gemälde und Grafiken erläutern die zivilisatorische, hygienische und technische Entwicklung, Geschichte und Geschichten werden erzählt, Perspektiven und Probleme umrissen. Modegeschichte, Sitten und Gebräuche sind weitere Schwerpunkte dieser Wanderausstellung. Nach Krefeld wird die Ausstellung im Museum für Geschichte, Volks- und Landeskunde Minden und im Rheinischen Industriemuseum Ratingen zu sehen sein. Den Auftakt machte die Villa Schlikker des Kulturhistorischen Museums Osnabrück. Die Ausstellung wird im Deutschen Textilmuseum durch weitere Leihgaben ergänzt.

Zum ersten Mal werden Taschentücher aus den Archiven bekannter Museen, z. B. der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Museen zu Berlin; Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg; Sammlungen von Unternehmen sowie private Sammlerstücke zusammengeführt und der Öffentlichkeit gezeigt. Der zeitliche Rahmen der Ausstellungsstücke umfasst die Zeit ab dem frühen 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Neben Exponaten der Spätrenaissance aus feinstem Leinen und mit kostbaren Spitzen verzierten Stücken befinden scih auch Taschentücher mit Landkarten und Szenerien vergangener Zeiten, Taschentuch-Entwürfe von Margaret Macdonald Mackintosh und Francis Macdonald (neben Charles Rennie Mackintosh und Herbert McNair die beiden anderen Mitglieder der "Glasgow Four"), sowie Kindertaschentücher mit Motiven aus den Märchen der Gebrüder Grimm. Natürlich fehlen auch so wichtige Exponate wie die ersten "Tempo"-Papiertaschentücher aus den dreißiger Jahren nicht.

Diese Ausstellung ist ein ungewöhnliches, unterhaltsames und lehrreiches Ereignis, das nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder ansprechen wird.

Gefaltet, gebügelt, geknotet

Zur Zeit von Gaius Valerius Catullus ca. 84 v. Chr. bis ca. 54 v. Chr. wird das Taschentuch von römischen Schriftstellern erstmalig erwähnt. Seine Geschichte beginnt schon 200 Jahre vorher in Rom und im Chinesischen Reich der Han-Dynastie. Im römischen Reich benutzte man Leinentücher getreu dem Grundsatz, dass die Form der Funktion folgt: es das sudarium, ein quadratisches Tuch zum Schweiß abwischen, das rechteckige oder quadratische Tuch zum Nase putzen und die mappa um daran die Hände zu säubern. Derweil wurde in China Hanfpapier als Taschentuch verwendet.

Im antiken Rom konnte das Taschentuch über das Leben der Gladiatoren entscheiden. Zu diesem Zweck wurde es kostenlos vor den Zirkusarenen verteilt. Eine solch dramatische Funktion blieb erfreulicherweise die Ausnahme, aber poltische Entwicklungen machten auch weiterhin vor dem Taschentuch nicht halt.

So war es lange Zeit Statussymbol weltlicher und klerikaler Würdenträger. Der Eroberer von Byzanz, Sultan Mohammed II., ließ sich in der Mitte des 15. Jahrhunderts mit einem Taschentuch als Ausweis seiner hohen Stellung malen. Von Heinrich VIII. von England ist bekannt, dass er Flanders Work, Taschentücher aus unverziertem Leinenbatist mit einfachem Saum benutzte, während seine Frau Anna Boleyn handkerchers frynged with Venice gold, red and white silk bevorzugte. Die strenge spanische Hofetikette unter Philipp II. erforderte, dass die Dame beim Tanz ein Taschentuch hielt, an dem der Kavalier sie führte, ohne sie zu berühren. Im 19. Jahrhundert kamen die Herrscher selbst als Abbilder auf das textile Tuch.

Napoleon Bonaparte hatte nach Waterloo das zweifelhafte Vergnügen, auf englischen Tüchern sein Konterfei zusammen mit Spottversen sehen zu können. Wilhelm I., Königin Victoria von England, Schlachten, Siege und Niederlagen wurden auf Schnupftücher gedruckt.

War das Taschentuch anfänglich aus weißem, unverziertem Leinen, so wurde es im Laufe der Zeit mit kostbaren Stickereien, Spitzen oder geknüpften Fransen verziert. Es war aus Seide, Batist oder Spitze gefertigt und wurde sichtbar in der Hand gehalten. In der Renaissance wurde das Taschentuch zum aufwenigen Ziertuch, dem fazzoletto. Dank der Fresken von Francesco Cossa, Bernardino Pinturicchio, Benozzo Gozzoli und den Gemälden Fiorenzo di Lorenzos, Vittore Carpaccios und Domenico Ghirlandajos kann man heute noch sehen, auf welche Art und Weise die fazzolettis von den Damen und Herren in der Renaissance getragen wurden.

Ludwig XIV. erließ die Verfügung, dass Taschentücher quadratisch sein mussten. Mit der Schnupftabakmanie im 18. Jahrhundertwurden wurden die Taschentücher sehr groß, die Kleidung dunkler, damit die Schnpftabakflecken nicht so auffielen, die Bärte kamen ab und Hosentaschen, in die man die großen Taschentücher stecken konnte, kamen in Mode. Erst mit der Mode des Tabakschnupfens wurden große (oftmals kopftuchgroße) bedruckte Taschentücher produziert.

Die ersten bedruckten Taschentücher entstanden in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Jedoch sind Exemplare aus der Zeit vor 1800 äußerst selten. Das Bedrucken von Taschentüchern entwickelte sich in Europa und in England gleichzeitig. Ab 1750 gab es waschbare, bedruckte Tücher.

In England entstanden auch die ersten bedruckten Kindertaschentücher in der Zeit kurz vor 1800. Sie waren sozusagen pädagogische Lernhilfen und zeigten z. B. Wappen des herrschenden Adels, Flaggen verschiedener Nationen, wichtige Ereignisse aus den Regierungszeiten der englischen Monarchen. Hierdurch konnte der zu vermittelnde Stoff leichter auswendig gelernt werden.

Aus diesen pädagogischen Kindertaschentüchern entwickelten sich Tücher mit Kinderreimen, Puzzle- und Rätseltücher. Im 19. Jahrhundert kamen zuerst bei Bürgern und Bauern bunte leinene oder baumwollene Sacktücher in Gebrauch. Danach verbreiteten sich Taschentücher und waren meistens weiß. Das Ziertuch erhielt sich als Stecktuch und kam mit dem Sakko (1867) in Mode. Bei Frack und Paletot erst in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts.

Obwohl Erasmus von Rotterdam, im Inventar seines Hausrates befanden sich 1543 18 unverzierte und 35 verzierte Faszinetel, schrieb: "sich an seine Mütze oder seinen Ärmel zu schneuzen, ist bäurisch; sich an den Arm oder am Ellbogen zu schneuzen, mag dem Zuckerbäcker anstehen, sich mit der Hand zu schneuzen, ist nicht viel gesitteter. Aber die Ausscheidung der Nase mit dem Taschentuch aufzunehmen, indem man sich etwas von Standespersonen abwendet, ist eine hochanständige Sache", mussten 200 Jahre später deutsche Adelige immer noch angehalten werden, sich nicht ins Tischtuch zu schneuzen.

Die Entwicklung der Hygiene im 19. Jahrhundert förderte einerseits die Gesundheit, andererseits hemmte sie die Menschen durch ein ständig steigendes Schamgefühl. Aber erst 1985 gelang die Entschlüsselung des ersten Rhinovirus (HRV 14) und seitdem wird zunehmend klarer, was im menschlichen Körper vor sich geht, wenn die Notwendigkeit zum Taschentuch zu greifen, besonders dringlich ist, weil uns der Schnupfen wieder einmal plagt.