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1997, 2 - Vorbildlich (6. Juli bis 2. November 1997)

Textilien des Art Nouveau und des Art Déco aus eigener Sammlung

Vorbildlich war für die Textilindustrie Krefeld der Anlass, 1880 die "Königliche Gewebesammlung" zu gründen, aus der das Deutsche Textilmuseum hervorging. Um dem Geschmack der Verbraucher zu entsprechen und damit den Absatz zu steigern, sollten sich die Entwerfer an historischen Textilien schulen und von der Stilvielfalt der Sammlung des Mannheimer Bildhauers Krauth profitieren, die den Grundstock der Neugründung bildete. Das reiche Anschauungsmaterial aus vergangenen Epochen bot den Dessinateuren einen idealen Fundus für Inspirationen, die den "historieverliebten" Zeitgeschmack trafen, der seinerseits durch die technischen Fortschritte hervorgerufen und angetrieben wurde. Mit Jacquardwebstuhl und Spinnmaschine wurde im Bereich der Textilherstellung die industriellen Revolution gezündet. Die zunehmende Mechanisierung und schließlich die Automatisierung beschleunigte und erweiterte den Welthandel. Die maschinelle Produktion reizte zum inflationären Zugriff auf nationalhistorische und ausländische Kunststile. Verschärfter Wettbewerb um Neuheiten und Preise gingen mit raschen Modewechseln Hand in Hand.

Der Gleichschritt zwischen künstlerischem Entwurf und der Herstellung geriet aus dem Takt. Die beliebige Mischung, die Entgrenzung ursprünglich festgeschriebener Stilepochen brachte den Historismus hervor, der sich bestens für die repräsentativen Ansprüche des gehobenen, tonangebenden Bürgertums eignete. Die Erwerbsdaten vieler ausgestellter Textilien beweisen, dass man bestrebt war, die Sammlung vor allem auch durch zeitgenössische Musterstücke im neuen, sich soeben erst formierenden Stil zu erweitern. Sie stammen größtenteils aus England, wo die Industrielle Revolution ihren Ausgang nahm und sich ihre Licht- und Schattenseiten früher offenbarten als im übrigen Europa.

Hier formulierten Künstler erstmals Reformbestrebungen. In Gemeinschaft mit Bildungsbürgern und Handwerkern erhoben sie die Schönheit natürlicher Formen zum Ideal, forderten die Rückbesinnung auf landeseigene, traditionelle Stile und praktizierten die Rückkehr zu handwerklichen Techniken.

Die "Arts-and-Crafts-Bewegung", 1888 gegründet, griff in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts auf dem Kontinent über:

Der deutsche Jugendstil der österreichische Sezessionstil wie auch der belgische und der französische Art Nouveau griffen die neuen Ideale und Ideen auf und entwickelten eine selbstständige Formensprache, die sich immer deutlicher an den Erfordernissen der Serienproduktion orientierte. Allen Ausprägungen vermittelten die Kunst und das Kunsthandwerk des Orients und des Fernen Ostens, die im Mittelpunkt der Weltausstellungen standen, wichtige Impulse.

Die zunehmende Technisierung löste heftige Debatten über den erzieherischen und den sozialen Anspruch der Reformbewegung aus: Ästhetisch und funktional einwandfrei gestaltete Gebrauchskunst sollte allen Bevölkerungsschichten zugute kommen und damit die tiefen sozialen Gräben überbrücken, die die Industrialisierung gezogen hatte.

Die sozialen Spannungen gipfelten in der Russischen Revolution, aus der eine "gereinigte" Kunst hervorging: Suprematismus und Konstruktivismus priesen neutrale geometrische, maschinengerechte Formen als die Sprache der klassenlosen Gesellschaft. Vor allem der Konstruktivismus beeinflusste in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg die Ästhetik und kleidete das Kunsthandwerk in gradlinige Formen und edelste Materialien: Der Stil Art Déco, benannt nach einer legendären Ausstellung im Jahr 1925 in Paris, diente in erster Linie dem Luxusbedürfnis der Goldenen 20er Jahre.

Über 200 Textilien und Kleider, u. a. signiert mit William Morris, Charles Francis Annesley Voysey, Henry van de Velde und Peter Behrens, ergänzt durch großzügige Leihgaben der Firma Johann Backhausen und Söhne, Wien, bieten einen Einblick in den Aufbruch der Moderne.