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1997, 3 - Hautnah (30. November 1997 bis 19. April 1998)

Hautnah

Form durch Fasern
Dessous aus drei Jahrzehnten

Hautnah demonstriert das Deutsche Textilmuseum ab 30. November, wie ideale Korperformen durch Fasern entstehen:

Zwei bedeutende Privatsammlungen zusammen mit Kleidern aus der Sammlung des Museums dokumentieren die Geschichte des Dessous und illustrieren die ersten Etappensiege der Kunstfaser.

Vier weltweit operierende Faserhersteller präsentieren ihre bewährten und neuesten Produkte. 36 renommierte Marken der Mieder- und Wäscheindustrie aus ganz Europa zeigen, zwischen welchen Materialien, Schnitten und Stilen gewählt werden kann:

400 Dessous aus drei Jahrzehnten beschreiben den Fortschritt vom geschnürten zum beweglichen Körper, vom festen Leinen zur elastischen Kunstfaser. Von dieser Entwicklung profitierte vor allem die Frau, in deren natürliche Körperformen die Mode immer stärker eingriff, als in diejenigen des Mannes. Einblicke in das Mantelkleid der Dame des Rokoko verraten, wie unbarmherzig die Schnürbrust aus Leinen und Fischbein formte. Blicke durch das zarte Hemdkleid des Empire offenbaren, dass Pantalons und Brustbinden für kurze Zeit Bewegungsfreiheit gewährten, bevor das Korsett aus Baumwolldrell mit Metallarmierung um 1820 die Taille wieder atemberaubend verengte und dem Décolleté Vorschub leistete. Der Hemdsaum, eingeklemmt zwischen die Beine, bescherte dem Mann schlißelich die Unterhose als eigenständiges Dessous. Die "Unaussprechlichen" der Frau kleideten zwar das Bein, den Schritt allerdings ließen sie bis kurz nach der Jahrhundertwende offen.

In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts sagte Prof. Dr. Gustav Jaeger der körperfeindlichen Künstlichkeit den Kampf an und führte seine Gesundsheitsreform ins Feld. Für Männer und Frauen verordnete er Trikotwäsche aus naturbelassener Wolle. Der kratzige Alternativ-Vorschlag markierte den folgenreichen Beginn der Reformbewegung, die Unterhose mit aufknöpfbarer Hinterklappe, erste BH-Patentlösungen und Hüftgürtel hervorbrachte. Die Stoffbänder und Knöpfe der komplizierten Konstruktionen hatten ausgedient, als in den 20er Jahren Bänder und Einsätze aus Naturgummi für rutschfesten Halt sorgten. Angesichts der Dessous der schlanken, sportlichen Garçonne werden die Idealvorstellungen moderner Mieder und Wäsche erstmals erkennbar: leicht und dehnbar sollen sie sein, gleichzeitig stützen und modellieren. Wie die Daunenfedern, das Dessous des Vogels, sollen sie formbeständig und elastisch, wärmend wie auch schmeichelnd sein und darüber hinaus der Kleidung Kontur verleihen.

Den frühen Kunstfasern folgten zu Beginn der 60er Jahre die Elastane: Die dehnbaren Synthetics mit hofer Rücksprungkraft garantierten eine hautnahe Paßform, ermöglichten aufgeklärte Transparenz und ließen dadurch auch der kritischen Jugend das Thema Unterwäsche wieder angelegen sein.

Das Luxusbedürfnis der 80er Jahre begann auf der Haut: "Wäsche" und "Miederwaren" wurden fortan als "body fashion" bezeichnet. Das Dessous wandelte sich zum Dessus. Das neueste Produkt sind Garne mit Micro-Struktur, deren vergrößerte Oberfläche die hautsympathischen Qualitäten erhöht und den Komfort steigert.