Inhalt

Naturnahe Waldwirtschaft

Naturwaldgemeinde des Naturschutzbundes Deutschland (NABU)

Naturwaldgemeinde Stadt Krefeld
Die Stadt Krefeld hat sich 1996 verpflichtet, zur Einhaltung der Naturwaldgemeinde des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) „Kriterien zur Waldbewirtschaftung in Naturwald-Gemeinden" für mindestens 10 Jahre aufrecht zu erhalten. Eine auf Dauer angelegte naturnahe Waldbewirtschaftung wird seit Jahren praktiziert, wobei die Umwandlung der Pappelwälder aufgrund der Homogenität der Bestände von den Kriterien abweicht.

Gemäß den Kriterien wird die Stadt Krefeld im Rahmen der Jagdrevierverpachtung bei der Jagdgenossenschaft für die Einhaltung einer für die Naturverjüngung des Waldes tragbaren Wilddichte eintreten.

Die Stadt Krefeld strebt eine Kennzeichnung des zum Verkauf gelangenden Holzes an. Dabei wird kenntlich gemacht, dass das Holz aus naturnaher und damit für die Natur schonender Bewirtschaftung stammt.

Die kahlschlagfreie naturnahe Bewirtschaftung von Wäldern hat sich in verschiedenen Betrieben seit Jahrzehnten bewährt.
Anders als die schlagweise Hochwaldwirtschaft (Altersklassenwald) nutzt die naturnahe Waldwirtschaft die Kräfte der Natur günstiger aus.

Das Kahlschlagen von Wäldern mit Ausnahme der kurzlebigen Hybridpappelbestände mit anschließender kostenintensiver Pflanzung und Kulturpflege wird in den städtischen Wäldern seit langer Zeit vermieden. An die Stelle des Kahlschlags tritt eine selektive Entnahme von Bäumen, die sich an deren individueller Wertentwicklung ausrichtet. Der naturnahe Waldbau orientiert sich an den natürlichen Strukturen und Prozessen von Waldökosystemen und erreicht dadurch einen hohen Grad an biologischer Selbstregulation. Er baut strukturenreiche und ästhetisch ansprechende Mischwälder mit hoher Stabilität und Leistungsfähigkeit auf. Der naturnahe Waldbau wird im städtischen Wald seit vielen Jahren praktiziert. Die Katastrophenanfälligkeit der künstlichen Altersklassenwälder wird hierdurch überwunden.

Biologische Vielfalt wird im naturnahen Wald aus verschiedenen Gründen angestrebt. An die Stelle artenarmer Monokulturen treten vielfältige Mischwälder in Abhängigkeit von den jeweiligen Standortbedingungen. Eine breite Palette von Baumarten und Holzsortimenten verringert das Risiko, an zukünftigen Märkten vorbei zu planen. In ihrer Gesamtheit ist die biologische Vielfalt für das ökologische Funktionieren des Waldes als Betriebsfaktor entscheidend. Der naturnahe Wald erreicht dies durch den Aufbau vielfältiger, reichstrukturierter Wälder und die Einbeziehung natürlicher Prozesse. Durch integrierte Maßnahmen des Biotop- und Artenschutzes, vor allem der Erhaltung von Alt- und Totholz, schützt er bedrohte Tier- und Pflanzenarten.

Die naturnahe Waldwirtschaft bringt wirtschaftliche Vorteile. Die Walderneuerung erfolgt ökonomisch und ökologisch sinnvoll durch die natürliche Absaat der Bäume und trägt dadurch zur generativen Bewahrung des standortlich angepaßten Erbguts der Baumpopulationen bei. Das gilt nicht für vorhandene Fremdholzarten wie Pappelhybriden und Roteichen, die auch im städtischen Wald vorhanden sind.

Unter dem schützenden Kronendach des Dauerwaldgefüges sorgt ein ausgeglichenes Waldinnenklima für günstige Keim- und Aufwuchsbedingungen der Naturverjüngung. Das stetige Lichtklima des Halbschattens erzieht die Bäume zu einem feinastigen, geraden und wipfelschaftigen Wuchs, sofern das genetische Potential vorhanden ist. Der Wettlauf um Licht und Raum reduziert in Verbindung mit gezielten forstlichen Eingriffen die Stammzahl des Jungwuchses. Die biologische Automation wird dadurch unterstützt.

Naturnahe Waldwirtschaft produziert starkes Wertholz und erzielt nach gelungener vieljähriger Betriebsumstellung, neben einer Minimierung der Betriebskosten, auch Einnahmevorteile durch beträchtliche Starkholzvorräte, sofern sie am Markt nachgefragt werden. Die naturnahe Waldwirtschaft erfüllt die an sie gestellten ökologischen und wirtschaftlichen Erwartungen in hervorragender Weise, wobei mittelfristig die Umwandlung der Altersklassen mit verstärkten Hiebsmaßnahmen verbunden ist.

NABU-Kriterien zur Waldbewirtschaftung in Naturwald-Gemeinden angepaßt an die Gegebenheiten der städtischen Wälder Krefelds

Verschiedene ökologische, geschichtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen prägen die deutschen Wälder und somit auch die städtischen Wälder der Stadt Krefeld. Eine naturnahe Bewirtschaftung der Wälder muss auf entsprechend viele individuell gebotene Maßnahmen zurückgreifen.

1. Vollständiger Verzicht auf kahlschlagsweise Nutzung der Wälder

Die Naturwaldgemeinde verpflichtet sich, ihren Gemeindewald auf der gesamten Betriebsfläche kahlschlagsfrei zu bewirtschaften.

1.1 Kahlschläge sind Nutzungen der herrschenden Baumschicht, durch die anstelle des schützenden „Waldinnenklimas" ein zu extremeren Wetterbedingungen neigendes „Freiflächenklima" tritt. Infolgedessen sind alle flächenhaften Eingriffe in die herrschende Baumschicht zu unterlassen, die eine Freifläche verursachen, deren Durchmesser größer als eine Baumlänge ist. Hiervon kann nur geringfügig abgewichen werden, wenn unter besonderen standortlichen Verhältnissen die angestrebte Naturverjüngung mit Lichtbaumarten ein höheres Lichtangebot erfordert, mit Ausnahme der nicht bodenständigen Baumarten wie Schwarzpappelhybriden und Roteichen.

1.2. Der naturnahe Waldbau fördert gemischte, stufige, ungleichaltrige und strukturenreiche Dauerbestockungen. Im Sinne dieses Ziels dürfen Nutzungseingriffe die Dauerbeschirmung durch die obere Baumschicht nicht aufheben. Das ist in der Regel dann der Fall, wenn der Beschirmungsgrad unter ein Drittel der Vollbeschirmung fällt.

1.3 An die Stelle des Kahlschlags und der Räumung über gesicherter Verjüngung tritt eine selektive, einzelstamm- bis gruppenweise Entnahme von Bäumen. Die Nutzung erfolgt nach den anerkannten Kriterien der Auslesedurchforstung, Vorratspflege und Zielstärkennutzung. In zeitlich ausgedehnten Abläufen wachsen junge Bäume unter dem Schutz der zu vermehrter Stark- und Wertholzproduktion benutzten älteren Waldgeneration, die sich im Zuge ihrer natürlichen Eigendynamik durch eine am Einzelbaum orientierte, langfristige kontinuierliche Waldpflege ergibt.

2. Verzicht auf Pflanzaktivität - Vorrang der Naturverjüngung

Die Naturwald-Gemeinde nutzt die kostenlose Absaat der Bäume und trägt dadurch zur generativen Bewahrung des standörtlich angepaßten Erbmaterials der Baumpopulationen bei, sofern die vorhandene Baumgeneration dem Standort entspricht. Für die Naturwald-Gemeinde hat die natürliche Verjüngung der Baumarten daher Vorrang vor künstlichen Bestandesbegründungen, etwa durch Pflanzung oder Saat. Künstliche Verjüngung ist nur dann anzuwenden, wenn:

 

2.1 naturferne Bestockungen durch Voranbau mit standortheimischen Baumarten kahlschlagfrei zur natürlichen Waldvegetation überführt werden sollen und der Eintrag von Samen heimischer Baumarten hierfür nicht ausreicht oder
2.2 ein Waldstandort mit standortheimischen Baumarten angereichert werden soll, die im betreffenden Gebiet nicht mehr oder nur noch in geringen Beständen vorkommen oder
2.3 auf kalamitätsbedingten Freiflächen mit einer Größe von mehr als einem Hektar, trotz konsequenten Schutzes gegen Wild (angepasster Wildbestand, Zaunbau), eine natürliche Wiederbewaldung in angemessener Qualität und Zeit nicht zu erwarten ist.

3. Verzicht auf Chemieeinsatz

Die Naturwald-Gemeinde unterläßt jeden Chemieeinsatz im Gemeindewald. Chemieeinsatz in diesem Sinne ist auch der Einsatz nicht spezifischer, biologischer Forstschutzmittel und die künstliche Mineraldüngung. Kalkungen werden ausschließlich zur Kompensation von schadstoffbedingten Versauerungen im Oberboden vorgenommen. Die Notwendigkeit einer Kalkung muss durch eine vorhergehende Bodenuntersuchung des betreffenden Standortes nachgewiesen werden.

4. Sanfte Betriebstechnik
Eine am Einzelbaum orientierte Wertholzerzeugung in naturnahen Wirtschaftswäldern setzt selektive und waldpflegliche Arbeitstechniken voraus. Gegenüber Großmaschinen, deren Einsatz maschinengerechte, großflächig einheitliche Wälder voraussetzt, ist die Arbeitskraft von Mensch, Pferd und angepaßten Techniken (z.B. Seilschlepper, Seilkran) in strukturreichen Wäldern überlegen. Die Naturwaldgemeinde räumt deshalb dem menschlichen Ar-beitsplatz und energiesparenden, sanften Betriebstechniken, besonders dem Einsatz von Rückepferden, einen Vorrang vor vollmechanisierten Verfahren und damit verbundenen höheren Schäden an Wald und Boden ein. Sie richtet die Arbeitsabläufe und Techniken an den Bedürfnissen eines bodenschonenden, wald- und menschenfreundlichen Waldbaus aus.
4.1 Die Naturwaldgemeinde verpflichtet sich dazu, den Wald als Arbeitsplatz für kommunale Waldarbeiter und regional ortsansässige Unternehmen zu erhalten.
4.2 Die Naturwaldgemeinde begünstigt bestandspflegliche Holzernteverfahren, den Einsatz von regional ortsgebundenen Rückeunternehmen sowie den Einsatz von Rückepferden.
4.3 Die Naturwaldgemeinde verzichtet grundsätzlich auf den Einsatz von Holzerntemaschinen. Ausgenommen hiervon sind Pflegemaßnahmen in Nadelholzreinbeständen mit deutlichen Durchforstungsrückständen.
4.4 Die Naturwaldgemeinde verpflichtet sich zum Schutz der Waldböden. Sie trägt dafür Sorge, dass nicht mehr als 10 % der Waldbodenfläche durch Forststraßen und Erschließungslinien versiegelt und verdichtet werden.
- Dies schließt in der Regel aus, dass Erschließungslinien mit einem Abstand von weniger als 50 Metern angelegt werden und die Dichte der befestigten Forstwege auf mehr als 30 Laufmeter pro Hektar angehoben wird.
- Bei einer Wegedichte von mehr als 50 Laufmeter pro Hektar strebt die Naturwaldgemeinde eine Sperrung oder einen Rückbau von befestigten Wegen in schützenswerten Lebensräumen und den Aufenthaltsorten störungsempfindlicher Tierarten (zum Beispiel Wildkatze, Wanderfalke, Schwarzstorch, Kolkrabe) an.
- Sie unterbindet das Befahren der Waldböden außerhalb der Rückelinien, sofern die Standorte ein einmaliges Befahren nicht zulassen, bei Androhung einer Vertragsstrafe im Rücke-, Selbstwerber- und Unternehmervertrag.

5. Aktiver Waldnaturschutz
Die Naturwald-Gemeinde bewirtschaftet ihren Wald „biologisch nachhaltig". Durch eine naturnahe Waldwirtschaft und durch gezielte Maßnahmen des Biotop- und Artenschutzes bewahrt sie dessen biologische Eigenart und Vielfalt.
5.1 Die Naturwaldgemeinde verpflichtet sich zum Schutz der bedrohten Lebensgemeinschaften des Alt- und Totholzes. In den Wäldern der Naturwald-Gemeinde wird auf natürliche Weise angefallenes Totholz im Umfang von mindestens 5 % des Holzvorrates von einer Nutzung ausgenommen und stehend oder liegend belassen. Starkes Totholz (Durchmesser mehr als 30 cm) ist hierbei vorrangig zu berücksichtigen.
5.2 Die Naturwaldgemeinde schützt Bäume mit einer besonderen Funktion als Lebensstätte für Tiere und Pflanzen bei Berücksichtigung der Verkehrssicherungspflicht, d.h.:
- Bäume mit Spechthöhlen oder durch Fäule entstandenen Höhlen, sowie Bäume mit besonders wertvollen Epiphyten-, Pilz- oder Kleintiervorkommen sind als geschützte Objekte zu kennzeichnen und von jeder weiteren Nutzung auszunehmen,
- Bäume mit Großvogelhorsten (Greifvögel, Kolkrabe, Schwarzstorch, Graureiher, Kormoran unter anderem) sind als geschützte Objekte zu kennzeichnen und für die Dauer der Horstnutzung stehend zu belassen. Während der Brutzeit dürfen keine störenden Eingriffe oder Arbeiten in einem Umkreis von 200 m um den Horststandort erfolgen.
5.3 Die Naturwaldgemeinde schützt die Lebensgemeinschaften naturbelassener, ungestörter Wälder durch einen dauerhaften, flächigen Nutzungsverzicht auf 5 % der gemeindlichen Waldfläche.
- Hierbei sind angestrebt insbesondere Altbaumbestände (Altholzinseln) und Waldstandorte mit besonderer Bedeutung für den Arten- und Biotopschutz zu berücksichtigen.
- Bei gemeindlichen Waldbetriebsgrößen von mehr als 2000 ha ist im Rahmen des 5 %i-gen Nutzungsverzichts ein Naturwaldreservat von mindestens 50 ha Größe als „Urwald von morgen" auszuweisen.
5.4 Die Naturwaldgemeinde verpflichtet sich zu einer Renaturierung von Sonderstandorten mit verfremdeter Waldvegetation (zum Beispiel Fichtenbestockungen auf Quellstandorten, an Fließgewässern, sowie auf sonstigen Feuchtstandorten). Die waldbaulich geeigneten Maßnahmen zur Wiederherstellung der standorttypischen Vegetation sind in Abhängigkeit vom Bestandsalter ab Erreichen der Umtriebszeit innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren ganzflächig einzuleiten.
5.5 Die Naturwaldgemeinde verzichtet auf die Aufforstung von Waldwiesen und -weiden.

6. Sicherung waldökologisch tragbarer Wilddichten

Eine naturnahe Waldwirtschaft strebt den Aufbau sich selbst verjüngender, produktiver und vielfältiger Mischwälder an. Dieses Ziel ist nur erreichbar, wenn die Schalenwildbestände (insbesondere Rotwild und Rehwild) in einer Naturverjüngung alle vorkommenden Baumarten zulassen. Die Naturwald-Gemeinde verpflichtet sich dazu, bezüglich der Jagd im Kommunalwald für das Ziel waldverträglicher Wildbestände einzutreten.
Die Naturwaldgemeinde kann hierzu zwischen zwei Modellen der Jagdorganisation wählen.
6.1 Die Gemeinde hat das System der Jagdverpachtung innerhalb der Eigenjagdbezirke und verpflichtet sich, mindestens fünf der nachfolgenden Regelungen zum Gegenstand zukünftiger Pachtverträge zu machen.