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Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts im Kaiser-Wilhelm-Museum

New York soll seine Gäste mit Mördern und Dieben begrüßen - ein Skandal. Andy Warhol hat ein großes Wandbild mit den Porträts von gesuchten Schwerverbrechern für die Weltausstellung in der US-Metropole geschaffen. Gouverneur Nelson Rockefeller erwirkt eine Zensur. Warhol muss sein Kunstwerk „Thirteen Most Wanted Men" überstreichen. Die Bilder wurden mit silberner Lackfarbe übermalt und die rund 50 Millionen Besucher sahen 1964 nur eine silbern schimmernde Fläche. „Nun musste ich mich nicht schuldig fühlen, wenn einer der Verbrecher gefasst und dem FBI übergeben worden wäre, nur weil ihn irgendjemand auf meinem Wandbild erkannt hätte", meint Warhol nach der Entscheidung. Die heute erhaltenen „Most Wanted Men" wurden im Frühjahr 1964 in Warhols Factory in Manhattan angefertigt. Das Konterfei des meistgesuchten Verbrechers in Warhols Umsetzung, John Mazziotta, befindet sich heute im Bestand der Kunstmuseen Krefeld. Zu sehen ist es aktuell in einer Sammlungspräsentation im Kaiser-Wilhelm-Museum. Auf der zweiten Etage hat Kuratorin Dr. Sylvia Martin Werke der zentralen Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts zusammengestellt.

Kuratorin Dr. Sylvia Martin vor Andy Warhols "Most Wanted Man No 1, John M." (1964) im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken
Kuratorin Dr. Sylvia Martin vor Andy Warhols "Most Wanted Man No 1, John M." (1964) im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken

Im oberen großen Lichtsaal eröffnet die stellvertretende Museumsleiterin den Rundgang mit Werken der klassischen Moderne (1900 bis 1937). Rechts im Saal hängt das Selbstbildnis von Helmuth Macke. Er steht synonym für den produktiven Austausch, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter den Künstlern und anderen Akteuren des Expressionismus herrschte. Der gebürtige Krefelder zählt zu den rheinischen Expressionisten. Macke bewegt sich aber auch im direkten Umfeld der Gruppen „Blauer Reiter" in München und „Brücke" in Berlin. Mit den Malern Heinrich Campendonk und Erich Heckel verbindet ihn zeitlebens eine Freundschaft. Karl Schmidt-Rottluff wurde sogar sein Trauzeuge. Werke von ihnen und anderen Vertretern der Avantgarden im Rheinland, München und Berlin setzt Martin im Kaiser-Wilhelm-Museum in einen Dialog. „Wir wollen neue Blicke auf Stücke unserer Sammlung ermöglichen, um zu zeigen, wie breit sie aufgestellt ist", sagt Museumsleiterin Katia Baudin.

Helmuth Macke: Karussell am Rheinufer, 1924, Öl auf Leinwand, 60x67 Zentimeter Foto: Kunstmuseen Krefeld
Helmuth Macke: Karussell am Rheinufer, 1924, Öl auf Leinwand, 60x67 Zentimeter
Foto: Kunstmuseen Krefeld

Der Kontakt zu den expressionistischen Zentren mag zwar einen Einfluss auf Macke ausgeübt haben. Sein Werk bestimmten die Gruppen aber nicht. Er schätzte deren Arbeiten, doch versuchte er, für sich neue Wege der Gestaltung zu entdecken. Davon zeugt ein Raum, den die Kuratorin dem Künstler widmet. Porträts, Studien von Werken befreundeter Maler und einige Ölbilder vermitteln einen konzentrierten Querschnitt seiner Arbeit. Sein künstlerisches Schaffen wurde durch den Militärdienst im Ersten Weltkrieg nicht unterbrochen. Als Kriegsmaler arbeitete er auch in Verdun und Mazedonien. Martin präsentiert exemplarisch einige Bilder aus dieser Zeit.

Erich Heckel (1883 – 1970), Badende in der Bucht (Sommer an der Ostsee/Ausschnitt), 1912, Öl auf Leinwand, Slg. Kunstmuseen Krefeld. Foto: Volker Döhne, Kunstmuseen Krefeld
Erich Heckel (1883 - 1970), Badende in der Bucht (Sommer an der Ostsee/Ausschnitt), 1912, Öl auf Leinwand, Slg. Kunstmuseen Krefeld. Foto: Volker Döhne, Kunstmuseen Krefeld

Nach dem Schwerpunkt des Rheinischen Expressionismus' mit Helmuth Macke und einem weiteren Raum mit Werken von Heinrich Campendonk springt Martin zwar in der Zeit, bleibt aber mit der Zero-Bewegung erstmal in der Region. Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker als Düsseldorfer Kern der Zero-Gruppe sind hier vertreten, deren Wirkung jedoch über das Rheinland hinaus weltweit verbreitet war. Als gefragte Leihgabe aus dem Krefelder Haus zeigt Martin auch „Frequenzen" (1957), das erste Rasterbild von Piene, das er als den programmatischen Ausgangspunkt seiner Entwicklung bezeichnete. In diesem Raum vereint sie zudem Arbeiten von Piero Manzoni, Adolf Luther und Herbert Zangs. Das erste Augenmerk richtet sich beim Betreten des Raums jedoch auf Monochrom blau (1957) und zwei Schwammskulpturen in Ultramarinblau von Yves Klein. Er pflegte seit Ende der 1950er-Jahre einen regen Kontakt zu der Zero-Gruppe und hielt sich oft im Rheinland auf. Seine erste Museumsausstellung in Deutschland „Monochrome und Feuer" (1961) im Haus Lange sorgte weltweit für Aufsehen.

Museumsleiterin Katia Baudin, Dr. Magdalena Broska von der Luther-Stiftung, und Dr. Sylvia Martin (v.l.)  zusammen mit Arbeiten von Yves Klein. Fotos: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken
Museumsleiterin Katia Baudin, Dr. Magdalena Broska von der Luther-Stiftung, und Dr. Sylvia Martin (v.l.) zusammen mit Arbeiten von Yves Klein. Fotos: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken

Die Auswahl an Highlights aus der Sammlung der Kunstmuseen wird punktuell bereichert durch Leihgaben aus der Adolf-Luther-Stiftung Krefeld. Mit Werken von Francoise Morellet sind erstmals einige Arbeiten aus der seit 2018 am Haus befindlichen Dauerleihgabe aus Landesbesitz NRW zu sehen. Darüber hinaus können durch Diplom-Restaurator Sebastian Köhler von den Kunstmuseen oder Fremdfirmen restaurierte Arbeiten von Eva Hesse, Enzo Mari oder auch Mark Boyle, die lange Zeit nicht mehr zu sehen waren, nun wieder präsentiert werden. Die Ausstellung endet am 2. September. Weitere Informationen stehen unter www.kunstmuseenkrefeld.de.