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2016-12-23: Von Schwarzen Löchern und dem gekrümmten Raum

Eine faszinierende und filigrane Faserwelt erwartet zurzeit die Besucher des Deutschen Textilmuseums in Krefeld. Die Ausstellung „Asia - Europe III. Fiber Art" stellt neue Tendenzen der Textilkunst aus Asien und Europa vor. Im Haus am Andreasmarkt in Linn sind Arbeiten von 36 Künstlern aus 15 Länder zu sehen. Der größte Teil der Objekte wurde speziell für die Ausstellung geschaffen. Die Vielfältigkeit der Arbeiten wird vor allem durch unterschiedliche Materialien und Techniken erreicht. Dr. Annette Schieck, Leiterin des Deutschen Textilmuseums Krefeld, und ihre Stellvertreterin Dr. Isa Fleischmann-Heck stellen ihre Lieblingsarbeiten „Energeia" und „Golden egg" aus der aktuellen Ausstellung vor.

Dr. Annette Schieck und die Arbeit „Energeia“ (2015) von Yukako Sorai.  Fotos: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken
Dr. Annette Schieck und die Arbeit „Energeia" (2015) von Yukako Sorai.
Fotos: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken

„Bei vielen Objekten stellt sich die Frage, wie wurden sie gemacht", erläutert Schieck. Einige Künstler haben ihre Technik nicht verraten, sondern hüten dieses Geheimnis. So auch Yukako Sorai, Jahrgang 1968, aus Japan bei ihrer Arbeit „Energeia" (2015). „Dieses Kunstwerk symbolisiert die Bewegung von Materie", sagt die Künstlerin. Diese Energie, diese Kraft begeistert die Museumsleiterin. „Das Objekt strahlt eine große Dynamik aus und entfaltet eine Sogwirkung", betont Schieck. Im Zentrum scheint sich ein Schwarzes Loch zu befinden, das die Materie in sich hineinzieht. Nähern sich die schwarz-weißen Augen diesem Kern an, werden sie durch die Gravitation immer stärker verzehrt. „Je weiter man weggeht, desto größer erscheint diese Wirkung", erklärt Schieck. Jedes einzelne Auge gestaltete die Japanerin individuell durch einen speziellen Zuschnitt des mehrlagigen Filzes. Mit welcher Technik sie jedoch die Verbindung zwischen den Augen hergestellt und wie sie die Filzelemente beschnitten hat, das bleibt ihr Geheimnis. „Mich fasziniert das sehr", sagt Schieck.

Dr. Isa Fleischmann-Heck und das Objekt „Golden egg“ (2014), das Goldene Ei von Blanka Sperkova.  Fotos: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken
Dr. Isa Fleischmann-Heck und das Objekt „Golden egg" (2014), das Goldene Ei von Blanka
Sperkova.
Fotos: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken

Die Assoziation von einer Galaxie mit einem hellstrahlenden Zentrum erweckt die Arbeit einer tschechischen Künstlerin: Das „Golden egg" (2014), das Goldene Ei in der Arbeit von Blanka Sperkova im Kern des feinen Objekts zu entdecken, bedarf schon eines genauen Blickes. Nur an einem Seil befestigt, hängt die luftig leichte Skulptur im Raum. Ihr filigranes Drahtwerk (Stahl- und Messingdraht) erinnert an ein Modell des gekrümmten Weltraums mit Wurmlöchern, die verschiedene Bereiche des Weltalls verbinden. „Es hat aber auch Anlehnungen an pflanzliche und tierische Wesen", sagt Fleischmann-Heck. „Mich beeindruckt an diesem Werk die Gestaltungsweise, die Strickerei", betont die stellvertretende Museumsleiterin. Anfang der 1970er-Jahre begann Sperkova, Jahrgang 1948, mit Draht zu experimentieren. „Seit 1975 habe ich intensiv mit Draht gearbeitet, wende aber nicht die traditionellen Techniken an, sondern habe eine eigene Technik des Fingerstrickens entwickelt, ohne Stricknadeln oder andere Hilfsmittel", so die Künstlerin. Aus der Nähe betrachtet, sind die Maschen gut zu erkennen. Und je nach Position des Betrachters ergeben sich durch verändere Lichteinfälle immer neue Sichtweisen auf das ästhetische Werk. „Es gibt eine Vielschichtigkeit der Wahrnehmung", so Fleischmann-Heck.

Das Deutsche Textilmuseum Krefeld am Andreasmarkt ist am 24. und 25. Dezember sowie am 31. Dezember geschlossen. Die öffentliche Führung am Mittwoch, 28. Dezember, durch die Ausstellung „Asia - Europe III. Fiber Art" findet um 14.30 Uhr statt. Am Neujahrssonntag, 1. Januar, findet keine Führung statt. Nach der Ausstellung in Krefeld (bis 2. April) werden die Arbeiten in Polen (2017) und Litauen (2018) präsentiert.