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Von Brahms bis Berg: Zeitreise durch Krefelds Musikgeschichte

Zuletzt geändert: 04.09.2019 14:47:22 CEDT

Vom Bandoneon bis zum Synthesizer, von Johannes Brahms bis Andrea Berg: In einer neuen Ausstellung unternimmt das Museum Burg Linn eine analoge und digitale Zeitreise durch die Krefelder Musikgeschichte. „Von der Lochkarte in die Cloud - Die Musik der Seidenindustrie" lautet der Titel der abwechslungsreichen Präsentation, die nicht im Museum selbst, sondern im Jagdschloss zu sehen ist. „Die Ausstellung im Jagdschloss wurde zuletzt in den 1980er-Jahren umgestaltet", erläutert die Burgherrin Jennifer Morscheiser. Es sei also höchste Zeit gewesen, dem 1707 erbauten früheren Sitz der Familie de Greiff neues Leben einzuhauchen. Dies gelingt durch eine spannungsreiche Verbindung zwischen dem historischen Mobiliar, kostbaren Ausstellungsstücken und virtuellen Präsentationen.

Das Leitungsteam des Museums Burg Linn mit Jennifer Morscheiser (links) und Christoph Dautermann (rechts) hat die Ausstellung "Von der Lochkarte in die Cloud" gestaltet. Unterstützt wurden sie von (von links) Andreas Kalinka und Florian Pfahl (Space Interactive), Hans Rommerskirchen, Philip Lethen und Wolfgang Hellfeier. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, D. Jochmann
Das Leitungsteam des Museums Burg Linn mit Jennifer Morscheiser (links) und Christoph
Dautermann (rechts) hat die Ausstellung "Von der Lochkarte in die Cloud" gestaltet.
Unterstützt wurden sie von (von links) Andreas Kalinka und Florian Pfahl (Space Interactive),
Hans Rommerskirchen, Philip Lethen und Wolfgang Hellfeier.
Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, D. Jochmann

In sogenannten „Space Books", die in den Ausstellungsräumen zur Verfügung stehen, kann der Besucher blättern wie in einem herkömmlichen Buch. Doch nach dem Umschlagen der Seite erscheinen Text und Animationen wie von Zauberhand - die Seiten verändern sich vor den Augen des Betrachters, es erklingen Musik und Geräusche. Diese innovative Technik, die mit Hilfe von Beamern und intelligenten Kameras funktioniert, wurde vom Krefelder Unternehmen Space Interactive entwickelt und verfeinert. Bundesweit bieten die Geschäftsführer Florian Pfahl und Andreas Kalinka diese Technik auf Messen und vor allem in musealen Kontexten an. Erstmals hat sich nun eine Zusammenarbeit mit einem Museum in Krefeld ergeben. Die Firma sitzt im Pionierhaus in der Alten Samtweberei.

Lochkarten im Einsatz

Die Space Books verweisen mit ihren Animationen auf reale Ausstellungsstücke, die im gleichen Raum zu bewundern sind. So ergibt sich eine fesselnde Mischung aus virtueller Darstellung und realer Krefelder Stadtgeschichte. Überzeugend verknüpfen die Ausstellungsmacher Jennifer Morscheiser und Christoph Dautermann die rasante Digitalisierung von Musik mit der Historie der Krefelder Seidenindustrie - kamen doch in den Jacquard-Webstühlen, die noch heute im Haus der Seidenkultur zu sehen sind, Lochkarten zum Einsatz, die mit ihren „Einsen" und „Nullen" wie frühe Computersysteme funktionieren. Ähnliche Karten stecken auch in mechanischen Musikinstrumenten, die im Jagdschloss nun dauerhaft ausgestellt sind. Bislang waren sie dort nur bei Vorführungen am Wochenende zu erleben.

Mendelssohn-Bartholdy, Liszt, Schumann, Strauss und Brahms in Krefeld

Auch der Aufstieg Krefelds zum weithin bekannten Musikzentrum, der im 19. und frühen 20. Jahrhundert seinen Lauf nahm, war auf die Seidenindustrie zurückzuführen. Sie bestellte und bezahlte renommierte Musikdirektoren, die - oftmals gegen öffentlichen Widerstand - Vertreter der damaligen Avantgarde in die Stadt holten. Auf diese Weise kamen Komponisten wie Felix Mendelssohn-Bartholdy, Franz Liszt, Clara Schumann, Richard Strauss und Johannes Brahms in die Seidenstadt und traten hier auf. Gustav Mahler wählte Krefeld sogar als Ort der Uraufführung für seine 3. Sinfonie und hinterließ der Stadt eine Originalpartitur, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. „Wir können auch nachweisen, dass der Kammerton ‚a', wie er bis heute von allen großen Orchestern gespielt wird, seinerzeit in Krefeld erfunden wurde", erklärt Christoph Dautermann.

Bandoneon - DAS Krefelder Instrument

Ein weiterer Raum widmet sich dem Krefelder Instrument schlechthin, dem Bandoneon. Es wurde Mitte des 19. Jahrhunderts vom Krefelder Musikalienhändler Heinrich Band erfunden. In Kooperation mit dem Kulturbüro werden historische Exemplare des Instruments nun im Jagdschloss ausgestellt - ein „Space Book" informiert wiederum über die Geschichte des Instruments und bringt es zum Klingen. So wird der argentinische Tango bis heute vom Bandoneon geprägt.

Fütter die Musikbox

In den Räumen im Erdgeschoss bewegt sich die Ausstellung dann zielsicher in die musikalische Neuzeit. Die Entwicklung von Plattenspieler über den Walkman bis hin zum kabellosen Kopfhörer ist dort zu verfolgen. An einer alten Musikbox, wie sie früher oft in Kneipen zu finden war, können die Besucher gegen einen kleinen Obolus Roger Whitaker, Freddy Quinn oder Vico Torriani lauschen. In einer Vitrine liegt das Gesamtwerk von Andrea Berg neben einer Krieewelsch-CD und einer Ausgabe der „Jazzattack", der legendären Musikreihe im Krefelder Jazzkeller.

M. Walking on the Water treten im Burghof auf

Nebenan steht eine Puppe mit einem Holzbalken im dick bandagierten Schädel - eine Reminiszenz an die größte Krefelder Band der 1980er-Jahre, M. Walking on the Water, die am Vorabend der Ausstellungseröffnung (Samstag, 31. August, 20 Uhr) im Burghof auftreten wird. Die heutigen Krefelder Chartstürmer - neben Andrea Berg noch die Hardrockband Blind Guardian und die Partyschlager-Combo Specktakel - kommen ebenfalls zur Geltung. Wer seine Eintrittskarte am Einlass klug ausgewählt hat, kann an einem weiteren „Space Book" ein Interview mit seinen persönlichen Lieblingen starten. An einem Synthesizer mit dutzenden Knöpfen und einem hochmodernen digitalen Klavier des Krefelder Unternehmens Kawai können die Besucher schließlich selbst kleine Songs erfinden - und vielleicht die Krefelder Musikgeschichte um neue Facetten erweitern.

Die Ausstellung „Von der Lochkarte in die Cloud", die vom Kulturraum Niederrhein, dem Förderverein des Kulturbüros und den Freunden der Linner Museen gefördert wurde, wird am Sonntag, 1. September, um 11 Uhr im Oberen Rittersaal eröffnet. Am Abend vorher tritt ab 20 Uhr die Band M. Walking on the Water im Burghof auf. Am Sonntagabend, 19 Uhr, liest Generalintendant Michael Grosse aus dem Buch „Die Frau, für die ich den Computer erfand" von Friedrich Christian Delius.