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Textile Erwerbung und Sammlungsstrategie in der NS-Zeit

Zuletzt geändert: 25.10.2019 12:54:45 CEDT

Die Erforschung von Objekten in Museumsbeständen, die in der Zeit des Nationalsozialismus „erworben" wurden, wird in jüngster Vergangenheit immer intensiver betrieben. Die sogenannte Provenienzforschung konzentrierte sich dabei bislang auf die Herkunft von Gemälden sowie Skulpturen, um sie den rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben. Dr. Annette Schieck, Leiterin des Deutschen Textilmuseums Krefeld, und der Historiker Dirk Senger haben nun zum ersten Mal Textilien in den Fokus dieser Herkunftsforschung gerückt. In „Textile Erwerbung und Sammlungsstrategien europäischer Museen in der NS-Zeit" fassen sie die Ergebnisse der ersten Provenienz-Tagung über Textilien in Deutschland und eigene neueste Forschungsaspekte zusammen. Zudem erstellten sie eine Übersicht von Akteuren, die in der NS-Zeit am Raub und Handel mit textilen Objekten beteiligt waren.

Museumsleiterin Dr. Annette Schieck und der Historiker Dirk Senger stellen die neue Publikation vor. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof
Museumsleiterin Dr. Annette Schieck und der Historiker Dirk Senger stellen die neue Publikation vor. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof

Die im Nünnerich-Asmus-Verlag erschienene 167-seitige Publikation nahm ihren Ausgangspunkt an der Untersuchung von einer Sammlung im Krefelder Museum, die 1943 an das Haus kam. Dabei handelt es sich um Trachten und Trachtenschmuck, die der Grafiker und Maler Paul Prött an die einstige Höhere Fachschule für Textilindustrie, respektive für deren Gewebesammlung verkaufte. „Unser Fall aus der NS-Zeit bildete dann die Grundlage für die Initiative, Provenienzforschung und Textilien auf einer breiten Ebene zu thematisieren", so Schieck. In Krefeld kamen so 2017 Wissenschaftler aus Deutschland und anderen europäischen Ländern zusammen. Sie stellten ihre Fälle und Untersuchungen vor unter anderem die Textilien aus der „Sammlung Hermann Göring" und die Sammlungsstrategie des Deutschen Ledermuseums in der Zeit des Nationalsozialismus.

Auf den Spuren von Paul Prött

Während der Vorbereitungen zu der Veröffentlichung der Tagungsergebnisse ergab sich im Fall Prött am Deutschen Textilmuseum eine neue Spur: der Fund einer bis dato unbekannten Quelle. „Eine Mitarbeiterin entdeckte bei der Recherche für ein anderes Projekt einen Schriftwechsel aus der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre - es ging um Paul Prött und eine weitere Sammlung, die er nach Krefeld verkaufen wollte", berichtet Schieck. Die mehrere Seiten umfassende Akte brachte Akteure ins Spiel, die schon in den 1940er-Jahren in der Sache aktiv waren, aber in den älteren Quellen nicht genannt wurden. Schieck und Senger begaben sich mit diesen neuen Namen in Archive und konnten nach der Sichtung diverser Dokumente einige offene Fragen beantworten beziehungsweise sie fanden neue Erkenntnisse. „Wir wissen jetzt, dass die Verhandlungen mit Prött bereits vor November 1941 begonnen haben", sagt Senger. Ob der mittellose Maler allerdings auch der tatsächliche Eigentümer der Sammlung war oder als Strohmann agierte, ließe sich momentan nicht klären.

Als wissenschaftliches Hilfsmittel haben die beiden Autoren für andere im Bereich Textilien forschende Wissenschaftler eine Übersicht von Akteuren aus der NS-Zeit erstellt. „Das ist ein Wunsch, der während der Tagung formuliert wurde", so Schieck. Händler, Galeristen, Informanten und Käufer, die im Zusammenhang mit Textilien in den Tagungsbandberichten genannt wurden, aber auch aus weiteren aktuellen Publikationen sind hier aufgelistet.

Das „Textile Erwerbung und Sammlungsstrategien europäischer Museen in der NS-Zeit" kostet 25 Euro.