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2018-07-13 Stadtarchiv Krefeld sichtet und digitalisiert seinen Filmbestand

Zuletzt geändert: 13.07.2018 13:14:40 CEDT

Junge Frauen sitzen eifrig tippend vor Schreibmaschinen in einem Büro. Schnitt. In einer Produktionshalle stehen große Bottiche, in die eine Flüssigkeit fließt. Schnitt. Menschen arbeiten in einem Büro. Schnitt. Aus einer Form werden Fettblöcke herausgedrückt. Schnitt. Die Blöcke werden zu kleineren Stücken geschnitten, in einer Maschine verpackt und von Arbeiterinnen in Kartons gesteckt. Schnitt. Dutzende dieser Kartons sind auf einer Palette gestapelt, die in ein Schiff verladen wird. Die Szenen stammen aus einem Film, der das Unternehmen Holtz & Willemsen Ölfabriken an der Hohenbudberger Straße in Krefeld vorstellt. „Dabei handelt es sich um eine Kopie. Wahrscheinlich wurde der Originalfilm abgefilmt", erklärt Sabine Weber. Auf der Aufnahme habe sie noch ganz schwach die Geräusche von Maschinen wahrnehmen können.

Archivleiter Dr. Olaf Richter und Sabine Weber vom Stadrarchiv Krefeld stellen den Film-Bestand vor. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken
Archivleiter Dr. Olaf Richter und Sabine Weber vom Stadrarchiv Krefeld stellen den Film-Bestand vor. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken

Sabine Weber arbeitet im Stadtarchiv Krefeld. Dort sichtet die 36-Jährige seit gut einem Jahr den Filmbestand. Eine technisch wie wissenschaftlich anspruchsvolle Aufgabe. Die gelernte Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste schließt in Kürze ein Masterstudium der Archivwissenschaften an der Universität Potsdam ab. „So eine Qualifikation muss für diese Arbeit vorhanden sein", betont Dr. Olaf Richter, Leiter des Stadtarchivs Krefeld. Die Filmaufnahmen müssen wie andere historische Dokumente quellenkritisch bearbeitet und in den Kontext mit anderem Quellen gesetzt werden. Denn jeder Film, seine Schnitte und Perspektiven werden einzig von einem Auftraggeber oder einer Person bestimmt. Sie haben ausgewählt und entschieden, was der Zuschauer sehen darf, was nicht. „Deshalb sind für uns auch Schnittabfälle interessant", sagt Weber.

Filme werden in Archiven erst seit den 1920er-Jahren als historische Quelle ernst genommen, vor allem für die Alltagsgeschichte. Denn anders als schriftliche Quellen geben die Filme auch eine Atmosphäre, eine Stimmung wieder, zeigen Stadtansichten, Produktionen, Mode und vieles mehr, für das sich Historiker interessieren. „Auf jeder Filmrolle verbirgt sich etwas anderes", sagt Weber mit Begeisterung.

Digitalisierung in den vergangenen Jahren

Die Menge des Film- und Fotomaterials hat mit der Digitalisierung in den vergangenen Jahren allerdings enorm zugenommen. Während man noch in den 1980er-Jahren einen Fotofarbfilm mit 36 Aufnahmen zur Verfügung hatte, kann man heute auf einer Chipkarte hunderte Bilder speichern. Gleiches gilt für die Kapazität bei Filmaufnahmen. „Wo liegt der historische Wert", diese Frage müssen sich Archivare angesichts dieser Bilderflut stellen und letztlich eine Auswahl treffen. Genau darin besteht die Aufgabe der und Archivare. Der Bestand im Stadtarchiv umfasst rund 600 Objekte von 1906 bis in die Gegenwart. Die Filmgrößen reichen von acht bis 35 Millimeter und diversen Videoformaten. „Ich habe 85 Prozent unseres Bestandes bislang gesichtet. Den Rest werde ich bis zum Jahresende sehen", sagt Weber. Darunter fanden sich unter anderem Aufnahmen von dem Bombenangriff 1943 auf Krefeld, aus der Flower-Power-Zeit, aber auch von Familienfesten.

Eine grundsätzliche Herausforderung bilde es, funktionstüchtige Abspielgeräte finden und nutzen zu können. Dabei und bei der Sichtung des Archivgutes wird Weber maßgeblich vom Thyssen-Krupp-Firmenarchiv in Duisburg unterstützt, den Kontakt hat Richter hergestellt. Das Krefelder Archiv verfügt auch selbst über einige Projektoren und Abspielgeräte. Alte Acht-Millimeter-Filme kann Weber auf einem kleinen Gerät mit Handkurbel anschauen. „In diesem Format besitzen wir einen Film über 100 Jahre Eisenbahn in Krefeld", so Weber. Für einen 9,5-Millimeter-Film fehle jedoch eine entsprechende Abspielmöglichkeit, die sie jedoch dringend suche. Gleiches gelte für Videoaufnahmen im Beta-Format.

Schrumpfung des Filmmaterials

Die Aufnahmen im Krefelder Archiv befinden sich alle in einem guten Zustand. Ein Sorgenkind gibt es aber im Bestand: Die Filme des Krefelders Theo Hoeboer. Er fertigte zahlreiche Aufnahmen von seiner Familie, Betrieben und Ausflügen in und um Krefeld und vor und nach dem Bombenangriff 1943 an. Einige Rollen sind nutzbar, andere nicht. Weber öffnet eine Filmdose und sofort verbreitet sich ein unangenehmer Geruch. „Das ist das Essigsyndrom", sagt die 36-Jährige. Von diesem Zerfallsprozess sind zwei alte Filme von Hoeboer stark betroffen, die 2011 als Nachlass in das Stadtarchiv kamen. „Sie müssen falsch gelagert gewesen sein", meint Weber. Einzig der Titel „Silvesterfeier 50/51" auf einer Filmdose regt die Phantasie an. Das Material habe sie noch nicht anschauen können und ob sie es je kann, sei fraglich. Denn mit der Zersetzung geht eine sichtbare Schrumpfung des Filmmaterials einher und damit die Zerstörung der Perforation für den Transport durch einen Projektor. Bislang existiert keine Möglichkeit, diesen Prozess aufzuhalten. „Das müsste sich bald ein Restaurierungsexperte anschauen", so Weber. Irgendwann würden sonst diese Aufnahmen für immer verloren sein.

Nach dem Abschluss der Sichtung muss das Archiv sich für eine Priorisierung entscheiden. Damit die Filme für alle nutzbar und für die kommenden Jahre gesichert sind, sollen sie digitalisiert werden. Im Besuchernutzerraum und teils auch via Internet werden die Beiträge künftig zugänglich sein. Momentan seien unter fünf Prozent des Bestandes digitalisiert. „Uns steht dafür ein höherer, vierstelliger Betrag zur Verfügung", sagt Richter. Die Kosten der Digitalisierung eines Films liegen zwischen 300 bis 400 Euro. „Wir würden uns sehr über eine finanzielle Unterstützung durch Sponsoren freuen, um weitere Stücke der Krefelder Stadtgeschichte zu sicher", so der Archivleiter. Und er bitte vor allem die Krefelder, auf ihren Dachböden und in ihren Schränken nach Filmaufnahmen zu schauen - auch jüngeren Datums. „Wir würden solche Filme hier gerne sichten und schauen, ob sie einen historischen Wert haben", meint Richter. Diese könnten dann auch digitalisiert und in den Bestand aufgenommen werden. Eine Kontaktmöglichkeit besteht unter www.krefeld.de/stadtarchiv.