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Publikation schildert erstmals das Wirken der Bauhäusler in Krefeld

Zuletzt geändert: 08.04.2019 16:28:34 CEDT

„So viel Bauhaus hier und alles brauchbare Leute", resümierte Oscar Schlemmer nach einem Besuch bei George Muche 1940 in Krefeld. Mit seinem Freund und Kollegen wirkte Schlemmer bereits am Bauhaus in Weimar und Dessau. In Krefeld trafen sie sich sieben Jahre nach der durch die Nationalsozialisten erzwungenen Auflösung der Schule wieder. Schlemmer nahm verwundert zur Kenntnis, dass von der einstigen Avantgarde-Schule so viele ihren Weg an den Rhein gefunden hatten. Rund 20 „Bauhäusler" arbeiteten und lehrten vornehmlich in der und für die Textilindustrie. Dieses bislang unbekannte Kapitel der Bauhaus-Geschichte haben nun die Herausgeberinnen Christiane Lange, Vorsitzende des Vereins Projekt Mies in Krefeld, und Anke Blümm vom Bauhausmuseum Weimar in dem Forschungsband „Bauhaus und Textilindustrie. Architektur - Design - Lehre" veröffentlicht.

Christiane Lange, Lothar Birnbrich und Rolf Schlue präsentieren die Publikation „Bauhaus und Textilindustrie. Architektur – Design – Lehre“.  Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken
Christiane Lange, Lothar Birnbrich und Rolf Schlue präsentieren die Publikation „Bauhaus und Textilindustrie. Architektur - Design - Lehre".
Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken

In den vergangenen zwei Jahren hat sich ein Forschungsteam intensiv mit der Verbindung zwischen der Krefelder Seidenindustrie und dem Bauhaus beschäftigt. Dabei untersuchten sie einen Zeitraum beginnend in den 1920er-Jahren der Weimarer Republik, über den Nationalsozialismus bis in die 1960er-Jahre der Bundesrepublik: Nach dem Ersten Weltkrieg strebte die hiesige Textilwirtschaft nach etwas „bahnbrechendem Neuen". Die Krefelder Produzenten wollten sich endgültig vom dominierenden französischen Modemarkt mit eigenen Kreationen absetzen. In dieser Phase suchte das Weimarer Bauhaus eine neue Wirkungsstätte, da der politische, aber auch finanzielle Druck in Thüringen immer mehr anstieg.

Haus Lange. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation
Haus Lange.
Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation

Der Krefelder Unternehmer Hermann Lange erfuhr davon und auf die Frage, ob er helfen könne, soll er geantwortet haben: „Ja, aber dazu muss sie hierher kommen. Wir wollen die ganze Schule." Das als radikal bekannte Bauhaus passte wohl in die Strategie der Krefelder. Der Oberbürgermeister wurde in den Plan eingebunden und der Bauhaus-Direktor Walter Gropius befragt, was er unter anderem an Geld und Räumen benötige. Das Unternehmen scheiterte jedoch an den letztlich höheren finanziellen Mitteln, die Dessau offerierte.

Kontakte zwischen dem Bauhaus in Weimar und Krefeld

Bereits vor, aber vor allem nach diesen Bemühungen bestanden Kontakte zwischen dem Bauhaus in Weimar und Krefeld: Betina Koch-Otte und Gunta Stölzl gehörten zu den begabtesten Studentinnen der Weberei. „Sie kamen zweimal nach Krefeld, um hier zu lernen", so Lange. Die jungen Frauen eigneten sich das Wissen über Färbereimethoden in der Samt- und Seidenstadt an und transferierten das Erlernte direkt in die Arbeit am Bauhaus. Nach ihnen kamen weitere Studentinnen, die auf diesem Weg neue Erkenntnisse gewannen.

Die Bauhaus-Villa Haus Esters in Krefeld. Foto: Kunstmuseen Krefeld, Volker Döhne
Die Bauhaus-Villa Haus Esters in Krefeld. Foto: Kunstmuseen Krefeld, Volker Döhne

Der Architekt und spätere Bauhaus-Direktor Ludwig Mies van der Rohe lernte noch als Vizepräsident des Deutschen Werkbunds in den 1920er-Jahren den Verseidag-Direktor Hermann Lange kennen. Daraus entwickelte sich eine langjährige Zusammenarbeit. Die beiden Villen Haus Lange und Haus Esters an der Wilhelmshofallee sowie das HE-Gebäude an der Girmesgath bilden das bis heute sichtbare Vermächtnis Mies van der Rohes in Krefeld. Die Bauwerke symbolisieren sozusagen die eine Bauhaus-Säule in der Stadt. Neben diesen drei Gebäuden von Ludwig Mies van der Rohe haben Lange und Blümm mit ihrer Publikation nun die zweite Bauhaus-Säule überhaupt erst geschaffen.

Mies van der Rohe während der Arbeit am Haus Esters, ca. 1927/28 © VG BILD KUNST BONN
Mies van der Rohe während der Arbeit am Haus Esters, ca. 1927/28 © VG BILD KUNST BONN

Sie erlaubt es, Krefeld in eine legitime Linie mit Weimar, Dessau und Berlin zu setzen. Denn das Bauhaus endete schließlich nicht mit seiner 1933 erzwungenen Schließung. Die Ideen und Konzepte wurden an anderen Orten fortgeführt und weiter vermittelt. Und in besonderer Weise funktionierte dies eben in Krefeld unter anderem mit dem Bauhaus-Pädagogen Johannes Itten und dem Bauhaus-Meister Georg Muche. Ihre und die Arbeit von weiteren Lehrern und Studenten des Bauhauses in Krefeld endete erst 1971 mit dem Ruhestand der letzten „Bauhäuslerin", Elisabeth Kadow. Sie leitet bis dahin die gesamte Gestaltungsabteilung der Textilingenieurschule.

Unterricht bei Georg Muche, Textilingenieurschule 1950er Jahre.  Foto: Stadtarchiv Krefeld
Unterricht bei Georg Muche, Textilingenieurschule 1950er Jahre.
Foto: Stadtarchiv Krefeld

„Bauhaus und Textilindustrie. Architektur - Design - Lehre" (422 Seiten) ist im Münchener Prestel-Verlag erschienen und kostet 49 Euro im Buchhandel. Die Auflage beträgt 2000 Exemplare. Die Publikation ermöglicht erstmals einen Einblick in ein bislang unbekanntes Kapitel der Kunst- und Wirtschaftsgeschichte Krefelds. Die Beiträge haben Dr. Julia Franke, Dr. Anke Blümm, Christiane Lange, Dr. Christopher Oestereich, Dr. Stefanie van de Kerkhof, Dr. Stephan Strauss und Dr. Carina Burk geschrieben. Die Publikation wurde von der Gerda Henkel Stiftung und der Sparkassen-Kulturstiftung Krefeld gefördert.