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Nachlass des Bauhaus-Meisters Johannes Itten im DTM

Zuletzt geändert: 20.12.2019 12:11:33 CET

„100 Jahre Bauhaus" - das Jubiläum neigt sich dem Ende entgegen. Das Deutsche Textilmuseum Krefeld setzt mit einem besonderen Aspekt in der aktuellen Ausstellung „Zeitkolorit" quasi den hiesigen Schlusspunkt des Bauhausjahres. „Wir haben Textilien und Hinterlassenschaften aus der Zeit als Johannes Itten in Krefeld lehrte. Es ist ein sehr reicher Schatz", so Museumsleiterin Dr. Annette Schieck. Der Meister und stellvertretender Direktor am Bauhaus (1919 bis 1923) unterrichtete in den 1930er-Jahren an der eigens für ihn eingerichteten Höheren Fachschule für textile Flächenkunst in Krefeld. Aus dieser Zeit stammen die Objekte, die nun in der ersten Ausstellungsetage im Haus am Andreasmarkt in Linn zu sehen sind.

Museumsleiterin Annette Schieck (links) und Isa Fleischmann-Heck, stellvertretende Leiterin, mit einem Exponat aus dem Nachlass von Johannes Itten im Deutschen Textilmuseum Krefeld. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof
Museumsleiterin Annette Schieck (links) und Isa Fleischmann-Heck, stellvertretende Leiterin,
mit einem Exponat aus dem Nachlass von Johannes Itten im Deutschen Textilmuseum Krefeld.
Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof

„Was wir zeigen sind nur einige Beispiele", so Schieck. Ein Lehrplan, ein Fotoalbum mit Aufnahmen und Anmerkungen von Studierenden sowie ein Sommerkleid seiner Schülerin und späteren zweiten Ehefrau Anneliese Schlösser aus Krefeld werden dort präsentiert. Schlösser übergab diesen Teil des Nachlasses Anfang 1990er-Jahre an das Deutsche Textilmuseum. Darunter befinden sich auch Fotoalben mit Aufnahmen von Stoffen und Mustern. „Wir besitzen zahlreiche Stoffbahnen aus seinem Unterricht, die hier abgebildet sind", berichtet die Museumsleiterin.

Schriften von Johannes Itten. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof
Schriften von Johannes Itten. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof

Mit dem Bauhaus begründete dessen erster Direktor Walter Gropius 1919 eine der bedeutendsten Schulen für Gestaltung, die bis heute Impulse zu vergeben mag. Johannes Itten (1888 bis 1967) wurde im Oktober 1919 als einer der ersten Meister durch Gropius nach Weimar geholt. Der gebürtige Schweizer entwickelte den berühmten Vorkurs und prägte damit nachhaltig die Anfangszeit am Bauhaus. Nach Differenzen mit Gropius verließ er 1923 jedoch Weimar und gründete in Berlin die „Itten-Schule". Mit der Schließung des Bauhauses 1933 an seinem letzten Standort in Berlin mussten auch die verbliebenen Meister und Schüler neue Aufgaben und Stellen suchen. Itten arbeitete zu diesem Zeitpunkt schon längst in Krefeld.

Ein Exponat von Johannes Itten. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof
Ein Exponat von Johannes Itten.
Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof

Die Verhandlungen für die neue Flächenkunstschule nahm er bereits 1930 mit der Stadt auf. Vorgesehen waren zuerst zwei Jahre Unterricht, der dann bis 1938 verlängert wurde und sich an den Bedürfnissen der hiesigen Textilindustrie orientierte. Für die neue Lehranstalt wurde unter anderem ein experimentelles Fotoatelier und ein Textildruckatelier eingerichtet - die Kosten alleine dafür lagen bei rund 30 000 Reichsmark, heute fast 200 000 Euro. Als Bauhäusler blieb er aber allein an „seiner" Schule, die neuen Lehrer rekrutierten sich nicht aus dem Umfeld von Weimar, Dessau oder Berlin. „Itten hat allerdings seine Lehre am Bauhaus entwickelt und in Krefeld fortgesetzt", schildert Schieck. Ähnlich wie in Weimar gab es morgens gymnastische und Atem-Übungen mit Studenten. „Das Schöpferische hat er als ganzheitlichen Prozess gesehen", erklärt Schieck. In seinem Krefelder Unterrichte legte er zudem einen besonderen Schwerpunkt auf die Fotografie als pädagogisches Mittelt. „Er hat seine Schüler losgeschickt, um beim Fotografieren neue Muster zu finden", berichtet die Museumsleiterin. Und so entwickelte ein Schüler beispielsweise aus dem Foto einer Kuh, aus dem er einen Ausschnitt, vervielfachte und als Kollage zusammenfügte, ein neues Muster, das als Druckvorlage diente.

Ein Exponat von Johannes Itten (Velum, Stedeljk Museum Amsterdam). Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof
Ein Exponat von Johannes Itten (Velum, Stedeljk Museum Amsterdam).
Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof

Itten lernte in Krefeld seine zweite Ehefrau, Anneliese Schlösser, kennen, die zuerst seine Schülerin war und dann selbst an der Flächenkunstschule unterrichtete. Über weitere private Kontakte Ittens in der Krefelder Gesellschaft oder Kunstszene ist leider nichts bekannt. Itten wohnte während dieser Zeit in einem Haus an der Steinstraße 139, wie auf seiner Meldekarte vermerkt ist. Dort findet sich auch ein weiterer Eintrag: „Vom Reg.[ierungs] Präß.[ident] D'dorf am 1.2.37 wegen Beleidigung zu einer Geldstr[afe] v.[on]} 25.- M.[ark] rechtskr.[äftig] verurteilt." Um welchen Fall es sich hier konkret handelte, ist unbekannt.

Ein Exponat von Johannes Itten. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof
Ein Exponat von Johannes Itten. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, A. Bischof

Wieso und weshalb Itten 1937/38 Krefeld verließ, müsste noch genauer erforscht werden. Ein weiteres Angebot dort zu arbeiten, schlug er wohl aus, weil er in die USA auswandern wollte. Seine Kunst galt unter den Nationalsozialisten zudem seit 1937 als „entartet". Der bis April 1938 angelegte Vertrag wurde mit Itten im November 1937 gekündigt. Von Amsterdam bemühte er sich, in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Der ehemalige Direktor des Bauhauses, Walter Gropius, sollte ihm bei der Einreise helfen. Das gelang jedoch nicht, so dass Itten als Schweizer Staatsbürger nach Zürich zog, zusammen mit Anneliese Schlösser. Dort heirateten sie und bekamen drei Kinder. Er arbeitete er an der Kunstgewerbeschule in Zürich. Kontakte nach Krefeld sind nicht mehr bekannt. Dass der Itten-Nachlass aus der Zeit der Flächenkunstschule dennoch an den Niederrhein gelangte, ist ein Glückfall für die Forschung am Deutschen Textilmuseum. „Über das Bauhausjahr hinaus werden wir diesen Bestand weiter untersuchen", so Schieck.