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2017-05-19: Marteria kommt in den Kufa-Club

Ganze 90 Sekunden hat es gebraucht, um das Schild "Ausverkauft" an die Club-Tour von Marteria zu hängen. Am Samstag kommt der Rostocker in die Kufa - wohlgemerkt in den Club. Hier könnt ihr lesen, was er dazu sagt.

Vor der Albumveröffentlichung spielst du eine Clubtour mit dem Namen »Allein auf weiter Tour« in den gleichen Locations wie schon im Jahr 2009. Warum?

Wir haben uns überlegt, die alte Tour noch mal nachzuspielen. Wenn du dir überlegst, so was zu mache, dann überlegt man: Was macht man? Was kann man machen? Und ich finde das irgendwie gut, die alte Tour nachzuspielen. Es gibt einfach auch geile Gimmicks da dran. In der KuFa haben wir damals knapp 90 Tickets verkauft mit unserem geilen Bus. Das war ja mega. Und dann haben wir so wenig Tickets verkauft, dass wir dann halt im Foyer gespielt haben. Und jetzt spielen wir halt im Foyer. Das ist doch total geil.
Das ist so ein bisschen »Ja, geil, hier mal wieder das Ding zu spielen, ein bisschen abgerockt, alter Nightliner, nur die Instrumente, nur Mikro und ab geht's!«
Ist total geil, eine Clubtour zu machen ist ja nichts neues, nichts, was wir erfunden haben. Das machen ja eigentlich alle, um sich einzuspielen. Die Toten Hosen gehen auf Wohnzimmer-Konzerte, die Beatsteaks gehen in 100er-Läden und Kraftklub und Casper machen das auch. Aber diese Tour eben so nachzuspielen und in diese Clubs zu kommen ist glaube ich etwas, was auch für uns emotional ist. Auch diese Läden wieder zu sehen. Also was auch passiert - ich weiß es nicht. Kommt man da rein und kriegt man so Emotionalität, erinnert man sich an verrückte Sachen, wie viele Geschichte gibt es in diesen Läden? Das ist auch etwas Interessantes.

Marteria kommt in den Kufa-Club. Foto: Paul Ripke
Marteria kommt in den Kufa-Club.
Foto: Paul Ripke

Was bedeutet es dir, live zu spielen?

Naja, live spielen, also, Studiomusiker, Livemusiker - das ist, also ich bin Livemusiker auf jeden Fall. Dieses Gefühl: Du kommst auf die Bühne, es ist eigentlich alles, was davor ist, so ein bisschen immer weg. Das ist so, volle Kanne. Die Aufregung ist unfassbar gut und positiv, der direkte Kontakt, das direkte Feedback, das wie Leute auf Sachen reagieren oder auch nicht. Sachen funktionieren oder eben auch nicht. Wir legen da...oder wir in der Band mit allen legen da unfassbar viel Wert darauf, dass das irgendwie geil ist. Dass wir guten Sound haben, dass die Songs, die auf der Platte sind live umgesetzt werden, dass die noch mal geiler sind live. Dass man das noch mal ab...dass man das noch mal hochliftet. Um was geht es bei einem Konzert? Klar, wenn du jetzt sagst in München oder Berlin, Leute, die 80 Konzerte in der Woche sehen und dann eher so hinten stehen im Lido und eigentlich die ganze Zeit in die Raucherlounge gehen, wo sich einer nen Finger für abgeschnitten hätte für ein Konzertticket und dann so cool in der Raucherlounge stehen und davon nix mitkriegen ist ein anderes Gefühl. Aber ein Konzert für einen Menschen, der Konzerte liebt - und ich bin Konzertgänger und Festivalgänger immer gewesen - ist eskalieren, durchdrehen, alles vergessen für zwei Stunden und komplett auszurasten. Darum geht es! Und nicht darauf zu achten, dass da kein Fleck auf dem Shirt ist, sondern durchzuticken. Das ist ein Konzert. Und das ist das Gefühl, was du auch auf der Bühne haben musst. Darum geht es. Das ist so das Entscheidende.

Was magst du lieber: Festivals oder Indoor-Konzerte?

Alles hat etwas Eigenes. Sachen, die man noch nie gespielt hat oder Sachen, die was besonderes sind, weil das entweder eine unfassbare Größe hat oder eine unfassbar schöne Location ist - es ist immer eine Bühne und es sind immer andere Leute und das merkst du auch. Es gibt einfach Regionen, wo die Leute herkommen, es gibt manchmal ein verschiedenes Publikum. Du darfst das auch nicht werten. Es gibt Publikum, dass erst mal warm werden muss und dann eskaliert. Es gibt Publikum, dass total am durchdrehen ist und wo alles von Anfang an kocht. Wo du mitschwimmst, weil das alles schon so wahnsinnig ist und alles brennt, gefühl. Es ist immer anders. Manche Sachen gefallen einem besser, manche schlechter. Was auch an der eigenen Performance liegt, weil man nicht immer gleich sein kann. Das ist ja auch was Bewegendes. Das kannst du nicht. Du kannst ein Grundkonzept gleich machen, aber deine Emotionen oder dein wie du drauf bist an dem Tag, das kann ja keiner beeinflussen an dem Tag. Das ist ja wie bei einem Interview so.
Oder wie bei, wenn dich jemand fragt, ob sie ein foto machen kann. du bist nicht immer gleich drauf und das ist auch bei Konzerten so. aber eigentlich ist das was total geiles, darauf arbeitet man hin. Dafür probt man ewig, dass man dann alles so freilässt auf der Bühne. Jetzt spielen wir ja auch die kleine Tour und ob das jetzt so...da freue ich mich halt sehr krass drauf. Weil wir das sehr lange nicht gemacht haben. Der Unterschied zwischen diesen kleinen Clubs und den großen Bühnen, so wie das sein wird. Die Nähe wieder zu haben - aber dann auch diese Weite zu haben und trotzdem so eine Nähe zu spüren. Ich habe auch mein In-Ear unfassbar laut immer.
Ich bin da eh immer in so einer verrückten Welt. Manche machen ja auch eins raus, aber ich bin da so...man kriegt da nur, man sieht da so, man muss ich da so ein Slow-Mo-Bild von so Menschen vorstellen, die einen so...was ich mache: Ich fixiere Leute, die ich die ganze Show über denn auch anspiele. Irgendwie brauch man das manchmal. Gerade, wenn die was Gutes haben. Irgendwas, geile Ausstrahlung. Oder du siehst, wie die da so drin aufgehen und verstehen, was du machst. Das kann man ja auch nicht von jedem Verlangen. Gibt ja auch viele, die es nicht verstehen oder die Songs nicht verstehen. Aber manche verstehen das und für die bedeutet das alles - so, wie mir das geht bei manchen Musikern. Wie bei Björk. Wo ich jetzt in London mit meiner Frau auf dem Björk-Konzert und das war wie so ein kleiner Junge, weil das so krass war mit dem Orchester und wie die Frau performt und wie die singt und was die für Welten aufmacht. Das ist halt so große Kunst und so Alien-mäßig, das ist halt mega.

Wie fühlst du dich kurz vor der Veröffentlichung von »Roswell«?

Aufgeregt. Also ich fühle mich schon sehr aufgeregt. Also innerliche Aufregung. Es ist immer so, wenn eine Platte rauskommt. Weil du machst dir ja irgendwie einen Plan und Gedanken und eine Visualität und Videos und Bilder und Songs und Touren. Ich habe ja auch viel Zeit mit Campino verbracht die letzten Wochen wegen dem Toten-Hosen-Album und der hat auch gesagt, das ist bei dem auch ganz krass. Immer noch. Ich glaube, das hört einfach nicht auf. Dieses Gefühl, dieses aufregen, irgendwie auch Bock und Lust, aber trotzdem überlegt man: »Was passiert? Wenn? Und wie?« Das hat man einfach immer. Dann legt sich das so ein bisschen. Das ist der Moment, meistens, wenn man zum ersten Mal auf die Bühne geht. Da wird so, weißte, alles egal: Social Media-Zeug. Dann bist du da, wo du hingehörst: Bühne, direkter Kontakt. Dann ist man da bisschen weniger interessiert, was alles so drumherum angeht. Aber jetzt muss erst mal so diese Lawine losrollen: Das haben wir gemacht, das ist unser Ding, wir haben uns den Arsch aufgerissen. Dafür, dafür, dafür - hier. Das ist immer ein sehr aufregender Moment.

Was ist das Konzept hinter dem neuen Album »Roswell«?

Also das Konzept des Albums wird eigentlich mit dem ersten Satz auf der Platte gesagt: »Aus Area 51 wird Marteria 51« und »Aus Roswell wird Rostock.« Das ist eigentlich, eigentlich ist die ganze Platte mit diesem Bild entstanden. Also die ganze Idee. Ich hab das gesehen, also dieses Area-51-Ding. Und dann so: »Okay, Marteria 51 kann man daraus machen.« Dann habe ich bei, mir das Ortseingangsschild von Rostock vorgestellt: Wie da so Rostock steht und dann bröckelt das so ab, so hollywoodmäßig.
Und dann steht da Roswell darunter. Das war eigentlich so das erste Bild. Dass das irgendwie so komischerweise zusammenhängt, dass Rostock auch mit R-O-S beginnt und so, dass ist natürlich so ein bisschen Rumgespinne und so, aber das war so Bild: Dass es überall sein kann. Roswell, der Mythos ist ja: Es ist ein Ufo abgestürzt in Amerika mit einem Alien. Darauf basieren tausend Filme, klar. »Independence Day« und so, ne? Und eigentlich kann das überall sein. Und es geht halt nicht um die verrückten Aliens und die verrückten Raumschiffe, sondern es geht eigentlich um ganz normale Leute. So ein bisschen »Men in Black«-mäßig. So bisschen die Außenseiter, so bisschen so die Leute, die sich manchmal nicht verstanden fühlen in der Welt. Oder gerade in den Zeiten wie die Welt so funktioniert und tickt im Moment, hat man oder habe ich zumindest öfter das Gefühl, dass es strange ist. Und darauf basiert das eigentlich. Hat aber nichts damit zu tun, dass das ganze Album jetzt Songs sind wie diese
Thematik. Es gibt Songs, die das so anspielen, weil ich das einfach so gut finde, wenn ein Album einfach so eine Farbe hat. Oder so Classic-Alben oder Alben, die man so selber mochte, hatten so ein Ding, ob das so ein David-Bowie-Teil war oder »Post« von Björk oder HipHop-Alben - ich mochte oft Alben, die so einen Aufhänger hatten. Wo man so auf einem Thema reitet, aber das auch verlassen kann. Das bietet natürlich total viel. Ich habe primär als Songs habe ich »Roswell«, habe ich »Aliens«, »Scotty, beam mich hoch« und dann noch so ab und zu kommen immer wieder so Zeilen drin, die das irgendwie so ein bisschen aufgreifen. Aber so diese ganze Thematik, dieses ganze Bild, dass das so überall, dieser Ort Roswell sein kann, wo so ein Ufo gelandet ist und wo du so ausgestiegen bist. Das ist so ein bisschen das Grundkonzept.

Inwiefern unterscheidet sich »Roswell« von den beiden »Zum Glück in die Zukunft«-Teilen?

Ich kann jetzt nicht sagen: Diese Farbe oder diese Farbe ist jetzt das Album. Es geht einfach um Sound. Das erste Majorrelease »Zum Glück in die Zukunft« ist so »Hallo, ihr bin ich!«. »Endboss«: von Level zu Level. Was war mein Leben? Was war bis da? Wo geht es jetzt hin? Ging sehr nach vorne, hatte viele Songs, die so Power gemacht haben. »Zum Glück in die Zukunft 2« sollte eine ganz andere Farbe haben. Da gab es die Singles mit »Kids« und »OMG« die so partymäßig waren, aber auch eine Message hatten. Das Album war sehr deep, sehr melodisch, sehr dark, eigentlich fast alle Songs. Der Abgeh-Song ist irgendwie »Bengalische Tiger«, aber der ist trotzdem dark. Es hat wenige fröhliche oder partymäßigen oder durchdrehmäßigen...es ist einfach eine sehr persönliche Songs. Weil das auch mitten in einer krassen Zeit geschrieben wurde, wo viel Party, viel Nachtleben, viel konsumiert, viel durch die Gegend gestreunert. So ein bisschen das Bild.
Jetzt ist es eine Platte, die voll nach vorne geht - mit so ein, zwei Ausnahmen. Eine sehr tanzbare, dolle Platte mit dicken Beats, die einfach Party machen. Das ist das Besondere: Das du trotzdem eine Message verpacken kannst, dass das eine das andere nicht ausschließt. Das ist, finde ich, eine ganz wichtige Sache. Dass du einen Song machen kannst, wo die Leute abgehen oder tanzen, trotzdem irgendwie eine Message mitgeben musst, die aber nicht so doll drückt, du musst nicht immer so die Politikkeule hart schwingen und jedem in die Fresse schlagen. Du kannst aber eine Message mitgeben. Hat gute Musik immer gemacht. Ich glaube, dass ist so ein bisschen die Farbe. Eine ganz klare Haltung, eine ganz klare Richtung. Was du an Songs wie »Scotty, beam mich hoch« oder »Links« oder »Tauchstation« oder so siehst. Oder »Elfenbein«. Es gibt eine Richtung vor, wie ich die Welt sehe, aber es geht nach vorne.

Wie bist du die Arbeiten an dem neuen Album angegangen?

Wie man so ein Album angeht, also das ist, das ging mit diesem Satz, mit diesem Area-51-Roswell-Ding los. Ich reise ja viel. Und ich versuche eigentlich immer aus jedem Land oder jedem Ort ein Songthema oder so mitzunehmen. Das ist auf jeden Fall so ein Anfang. Und dann entstehen so Sachen, aber eigentlich entstehen erst mal Songs - oder Hooks. Man schreibt einfach Hooks ohne Beats. Und dann trifft man sich und dann macht man Musik und feiert das einfach ab. Und das macht halt mit den Krauts unfassbar Bock. Weil wir, was ich wirklich am meisten bewundere, nicht nur die Qualität, das weiß man, wer irgendwie was drauf hat und wer nicht und es gibt so viele gute Leute, die so viele gute Beats auch heute machen und auch so viele Junge Leute, die geiles Zeug machen, aber da irgendwie immer noch einen draufzuknallen und zu zeigen: »Hey, wir können auch immer noch zeigen, wo was langgeht, was Sound angeht und was Freshness angeht.« Aber das wir so abfeiern können ist das wichtigste. Das man sich begeistern kann und nicht der eine so und der andere so, sondern alle so: »Yes, go for it!« Scheißegal, was der denkt, was der denkt - das ist gerade unser Ding.
Wir feiern den Sound, wir feiern das Thema und gehen da durch. Ich finde die Platte sehr mutig. Wenn man einfach so von oben drauf guckt von so einer Perspektive wie »Okay, was hat der Künstler bis jetzt gemacht? Was hat irgendwie funktioniert so?«, kannst du es dir auch ein bisschen einfacher machen, was Alben angeht oder was Mut oder was Ecken und Kanten angeht. Das hat unfassbar viele Ecken und Kanten. Die Platte. Weil es auch eine klare politische Meinung hat oder eine klare ideologische Meinung hat. Ist aber total geil. Ist ein bisschen progressiv. Und ich merke: Dadurch, dass ich auch kein Alkohol mehr trinke und so reflektiere ich diese ganze Vergangenheitssache viel besser. Es wird alles ein bisschen darker noch. So ein bisschen Power, mehr Power, als wenn du in so einer Phase steckst. Das ist irgendwie interessant.
Was man selber, was mit einem passiert beim schreiben...wenn man an die Zeit denkt: »Okay, ich mache jetzt ein Lied über das ganze wahnsinnige Berlin-Leben!«, dann schreibt sich das so. Es fällt einem leichter, als in der Zeit davor. Ja, das ist interessant. Weil du nicht weißt, was in den nächsten Jahren passiert oder da passiert oder hier passiert. Du hast immer eine Art leichten Druck. Das ist sehr sehr gut, wiederum, wie Aufregung. Du willst auf etwas zeigen oder das, was man da gemacht hat, dass die Anerkennung für das, was man macht irgendwie da ist, dass die Leute sehen, dass wir uns da den Arsch aufreißen. Jetzt haben wir da den Anfang gesetzt mit den »Aliens«-Video und da kommen natürlich noch Videos und da kommen natürlich noch verrückte Sachen. Das ist eine Reise, wo man mitgeht und wo man entweder sagt: »Yeah, es ist ganz schön wahnsinnig.« Und Kredibilität...über die kannst du nicht reden, die musst du dir erkämpfen oder erarbeiten.
Entweder du sagst an irgendeinem Punkt: »Es ist eigentlich alles geil, wie es ist. Lass uns ruhig machen.« Das merkst du ja auch an der Länge von der Arbeit an einer Platte. Dass es eben nicht so geht, dass du das irgendwie, die dritte Majorplatte in drei oder vier Monaten - das geht so nicht. Das dauert so anderthalb Jahre im vollen Arbeitsmodus schon. 12 Lieder! Klar kannst du 12 Lieder in einer Woche schreiben. Das ist überhaupt gar kein Problem. Aber eine Platte zu machen, die sich nicht wiederholt und eine Eigenständigkeit an Songs hat - der eine mag das mehr, der andere das mehr - das ist immer so, das dauert einfach so lange.

Wo wurde »Roswell« aufgenommen?

Wir waren an der Ostsee und haben da ein bisschen produziert und waren dann eigentlich die ganze Zeit hier in Berlin. Haben da so bisschen Beats gecheckt und dann hier eigentlich die Songs gemacht hier in Berlin.

Ist »Roswell« ein politisches Album?

Das Album hat eine ganz klare politische Richtung. Es ist jetzt keine, also nicht so das krasse politische Ding. Es gibt immer wieder Statements. Du kannst eigentlich in jedem Song, was du hast, kannst du irgendwie, ein politisches Statement unterbringen, genau wie ich vorhin schon gesagt habe, ohne dass du jetzt gleich so doll, dass es immer so schwer wirkt und du so »Oah, komm, halt's Maul!« Weißte? Braucht man alles nicht. Du kannst immer wieder so Statements reinbringen. Natürlich ist der klarste Song, was das angeht irgendwie »Links«, was so ein Statement hat. Aber eigentlich auch total die Freiheit hat. Eigentlich geht es bei so einem Song darum, dass man dem alles unterordnet. Alles. Dass du so die PETA und so nen Pelztypen in eine Zeile schreibst. Da freut sich bestimmt einer von der PETA nicht wirklich, weil gegen das kämpft er die ganze Zeit. Aber das irgendwie zu akzeptieren, wie andere Menschen sind, das finde ich oft auch wichtig. So lange das nicht irgendwie total gegen deine Ideale geht. Hauptsache, alles dieser Links-Richtung untergeordnet.
Bedeutet einfach: Offen zu sein, Neugierde gewinnen zu lassen, bevor den anderen Gefühlen wie »kein Bock« oder »bloß keinen Fremden begegnen« - das hast du ja auch bei »Aliens« drin oder so. Dieses Gefühl gewinnt einfach immer. Es gewinnt halt oft, bei mir. Ich finde das halt wichtig. Und vielleicht regt das Leute an. Vielleicht denken die ja: »Okay.« Und ich denke, dass es einfach ein Urinstinkt ist. Ich glaube, dass das gar nicht so eine Gedankensache ist, sondern ein Urinstinkt. Das die Menschen einfach verschieden sind. Dass wir einfach verschiedene Kulturen, verschiedene Rassen haben. Die einen sind groß, die anderen sind klein, die anderen sind dunkel, die anderen sind hell. Und überall auf der Welt sind die verteilt und wir sind aber alles irgendwie so Menschen und die Zukunft - das klingt ja auch wahnsinnig alles - aber die Zukunft dieser Welt, wenn man nicht immer nur an Jetzt denkt, und an unser Geiles und Wir-kaufen-uns-jetzt-eine-tolle-Jeans-Leben sondern in 300 oder 400 Jahren noch so ist, wenn einem das so ein bisschen wichtig ist, dann ist das die Zukunft. Dass das zusammenwachsen muss. Sonst funktioniert das nicht. Sonst brennt das alles nieder. Das finde ich wichtig. Dadurch reist man viel in andere kulturelle Kreise.
Ich habe das auch gemerkt wieder in Angola im Dezember. Ich bin mit irgendwelchen Fischern an so einem Fluß und die sprechen kein Wort Englisch. Nur Portugiesisch. Und dann unterhältst du dich praktisch mit vier Leuten auf drei Sprachen Deutsch Englisch, Portugiesisch - und am Ende unterhältst du dich und verstehst, was der andere sagen will. Also es funktioniert. Nur, wenn du das rausfindest oder dich traust, da reinzugehen, merkst du, dass das funktionieren kann. Das ist total verrückt, wie das läuft. Auf einmal unterhältst du dich drei Stunden lang und verstehst Sachen - ohne auch nur ein Wort der Sprache zu verstehen. Dass ist das Verrückteste der Welt. Weil wir alle verbunden sind. Immer wieder was total Besonderes. Und dieses Gefühl vermisse ich, wenn ich das ein gewisse Zeit nicht habe. Deswegen reise ich auch so viel. Wie das einfach läuft. Deswegen hat das schon in der Hinsicht auch eine Message oder zeigt glaube ich meine Haltung - und außerdem war meine Mutter in der Friedensbewegung und wir hatten immer eine Friedenstaube auf dem Auto. Das ist auch wichtig.

Ist »Roswell« ein persönliches Album?

Das Album hat sehr persönliche Songs, wo es eigentlich nur um persönliche Geschichten geht. Wie »Tauchstation«, wie »Große Brüder«, wie »Skyline mit 2 Türmen«. Eigentlich das, was jede Platte hatte. Ich hatte immer diese zwei, drei Songs. Es gab immer - auch auf den ersten Platten - die Verarbeitung mit dem Kind, mit Lous, jetzt ist es eben so diese Geschichte von damals. Es ist immer auch so ein Jugend-Song, ist immer auch so ein bisschen: »Wie macht man den?«, »Wie geht man den an?«, »Wie findet man die Bilder?« »Große Brüder«, dieses Bild »Bis die großen Brüder uns nach Hause tragen.« - das ist einfach so ein Bild, was ich kenne. In den Blocks, Neubaublocks, Rostock, 50 Kids auf der Wiese - und am Ende: blutüberströmt, glücklich as hell, trägt dein großer Bruder dich nach Hause. Ich habe einen großen Bruder, ich weiß nicht, wie weit das bei jemanden, der das nicht hatte, ankommt oder so. Das kenne ich nicht. Aber für mich war das so ein ganz verrücktes Bild. Auch dieses, wie das losging nach der Wende mit diesen leuchtenden Skateboards, wo man so draufgedrückt hat und so Bombensounds kamen und L.A.-Gear-Schuhe. Das ist halt irgendwie so ein Bild und es gibt sehr viele persönliche Tracks.

Wie macht man solche Themen auch für den Hörer interessant?

Also wie man es schafft, solche Themen konsumierbar zu machen ist sehr schwierig. Weil ich konsumiere es selber. Und es gibt auch Lieder, die das nicht schaffen. Die kommen dann halt nicht auf die Platte. Es sind immer nicht viele. Weil, ich hab meistens so zwei, drei Songs noch, die das noch mehr - irgendwie reicht's nie für mehr, so 15, 16 Songs - die schaffen das nicht. Ich fahre viel Auto, was ich nie gemacht habe. Weil ich wohn ein bisschen weiter weg jetzt und muss immer zwischen Berlin hin und her und höre viel Musik. Und ein Song darf mir einfach nicht auf den Sack gehen. Das Krasseste ist einfach, dass ich die Songs jetzt praktisch seit anderthalb Jahren in Dauerschleife gehört habe und immer wieder versucht habe, was zu machen - oder auch nicht - und geguckt habe, ob der noch so wirkt. Und ich merke das, wenn ich das zum Beispiel meiner Mutter gezeigt hab oder so. Gerade auch durch diese persönlichen Songs. Was da so an Emotionalität dann hochkommt, wegen meinem Bruder und meiner Schwester in New Shell in Amerika und so. Dass man praktisch die ganzen Sachen, die man vor gefühlten hundert Jahren erlebt hat, Teenageralter, dass die auf einmal so ganz klar da sind und die Stationen von irgendwelchen Bushaltestellen sofort in deinen Kopf kommen - und dann schreibt man das einfach, dann merkst du ob die Leute - und wir haben mit den Krauts eben drei Leute, die drei Meinungen noch mal haben und nicht einer, der noch mal sagt »Ja« und am Joint zieht, sondern drei Typen, die sagen »Ja«, »Ja«, »Ja«, »Weiß ich nicht so genau.« Und wenn du eine Emotion hast, die so ein bisschen aus dir kommt - ich mach ja nicht so Musik aus dem Kopf, ich mache sie eher so aus dem Gefühl und eigentlich schreibt sich das Lied immer sehr schnell und dann guckt man noch an einer Hook oder irgendwas - aber wenn du das Gefühl dann mal triffst. Und für mich ist ein wichtiger Siegel, dass man sich eigentlich zu einem Thema innerhalb von - keine Ahnung - 10 Minuten brauche ich 10 Bilder dazu. Wenn mir die Bilder nicht einfallen oder es mir schwerfällt, Wörter dazu zu finden - also irgendein Thema: Wörter dazu finden - wenn ich merke, das kommt nicht so schnell, merke ich: »Das könnte ein schwieriger Song werden oder das Thema bringt es nicht.« Und meistens kommt er dann weg. Manchmal versucht man es doch, manchmal kann es auch klappen, es gibt da kein Geheimnis oder so. Aber bei diesen persönlichen Songs muss das einfach kommen. Und ich glaube, das ist so diese Symbiose.

Gab es Referenzplatten für »Roswell«?

Referenzplatten ist schwierig. Ich mach das ja bei mir, ich konsumiere ja viel Musik. Aber in der Albumphase nicht. Das ist einfach eine Beeinflussungssache. Ich habe das und auch, woran ich glaube, weil ich es nie gemacht habe, habe ich bei den vorherigen Alben auch gemacht. Ich kaufe dann eigentlich nichts mehr, höre kaum andere Musik. Auch gerade so dieses ganze Trend-Ding: Du verwässerst oft, habe ich das Gefühl. Wenn ich dann merke, ich höre Musik, und dann: »Oah...«, höre ich eigentlich immer dieselben Platten. Also die Platten, die ich kenne, kann ich ja hören. Es sind auch so einzelne Songs, wie so ein David Bowie von seiner letzten verrückten Platte. So ein Song wie »Blackstar«.
Ich meine, der Typ tritt irgendwie ab und weiß, dass es vorbei ist und er kann auch mit einem hochemotionalen, sensiblen Johnny-Cash-Gefühl abtreten und er tritt mit »Blackstar« ab, wo er so Knopfaugen hat und auf einem Dachboden steht und sich so bewegt. Das ist so geil und so groß. Ich finde das gut, manche finden es verstören. Das ist irgendwie eine Ansichtssache oder Geschmackssache. Aber eigentlich sind das die Sachen. Und während so ein Albumprozess läuft, höre ich das alles nicht. Wenn das Album dann, wenn ich das Album habe und zu Ende geht höre ich mir wieder viel an. Ich bin natürlich Fan von so Run-The-Jewels-Zeug, bin ELP-Fan oder Frank-Ocean-Fan oder irgendwie auch geiles R&B-Zeug wie von dieser, das Jeremih-Album. Oder auf einmal kommt irgendwie ein Ganjasufi-Album. Irgendwas verrücktes Outes, aber auch krasse Gesangssache, die es so gibt. Oder so ein Kaytranada-Album. Das höre ich ganz viel. Das ist ein Album, wie ich mir ein gutes Musikalbum vorstelle.
Das Kaytranada-Ding ist so inhaltsstark: Instrumentale, Musik, Gefühle - darauf kommt's an. Auf einmal Rap, auf einmal lustig, auf einmal housig, auf einmal wieder deep, auf einmal Craig David. Das ist so, es gibt da keine Grenze mehr. Man merkt das auch, finde ich, jetzt, gerade, wenn man so spricht. Früher war immer so dieses HipHop-Ding und du merkst, es gibt das alles eigentlich gar nicht mehr. Diese ganze Musikwelt ist so total verflossen und die Leute arbeiten mit vielen Leuten zusammen. Das meinte ich auch, dass wir uns jetzt immer Leute reinholen für die Produktion und ich kann mir auch nichts schöneres vorstellen, als mit vier oder fünf Textern zusammenzusitzen und einfach Musik zu schreiben und zu gucken, wo das hingeht. Das ist scheißegal für welche Platte. Einfach Musik machen. Haben wir jetzt auch mal gemacht mit den Krauts bei einem Schreibcamp. Das macht, das befruchtet unfassbar, macht total viel Spaß und du siehst das auch bei den Amis eben, dass sie sehr viel da reinlegen. Aber bei dieser Platte auch und so, da war das, das ist eine Marteria-Platte und eine Krauts-Platte und die ist verkopft. Es gibt überall Hilfe, aber das ist unser Ding gewesen. Ich finde, dass zeigt es. Das zeigt eine Emotion. Emotion auf verschiedenen Wegen. Und auch alles zuzulassen. Und irgendwie auch abzufeiern. Das ist auch ganz wichtig, dass man so einen Modus auch bekommt und jetzt nicht immer nur so voll in dieses depressive Ding geht, sondern auch so abzufeiern. Das ist glaube ich wichtig.

Für den Song »Aliens« hast du mit Teuilla zusammengearbeitet, der eigentlich Arnim heißt und Frontmann von den Beatsteaks ist. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Arnim kenne ich jetzt schon länger. Das ist einfach ein unfassbarer Mensch. Ganz, ganz krasser Typ. Ich habe ja schon auf meinem ersten Album - »Zum Glück in die Zukunft« - bei dem Casper-Song »Alles verboten« hat er ja geshoutet schon. Auch wieder eine Sache, dass man Features nicht wiederholt. Erste Platte Fox, Casper, Jan. Letzte eigentlich Campino. Die Konstante war immer Yasha und Miss Platnum, weil wir so dieses Team sind. Und jetzt irgendwie Arnim. Beatsteaks. Für das, was er steht, das ist eigentlich genau das, wofür ich stehe. Diese Energie, die er hat. Ist unfassbar.
Wer mal auf einem Beatsteaks-Konzert war und das gecheckt hat, was da so abgeht, was der Typ drauf hat auch, was die Band drauf hat. Ist eine der besten Live-Bands mit Abstand, die es hier gibt. Er ist ein absoluter wahnsinniger Typ. Wir haben halt für eine Hook gesucht. Ich habe versucht, diese Hook zu singen, das war schrecklich, furchtbar und es war ziemlich schnell klar, dass wir jemanden dafür brauchten. Und er ist auch ein Alien. Er kommt aus einer Zirkusfamilie. Also Zirkusleute sowieso: alles Aliens. Und er kann balancieren und verrückte Feuersachen werfen und er ist ein wahnsinniger Typ. Deswegen ist der auch so krass. Dann muss man sich erst mal identifizieren mit dem Lied, das hat er irgendwie nach einer Sekunde gemacht. Dass er das dann auf Deutsch macht, ist natürlich irgendwie total geil. Weil das was Uniques ist, was Neues, was man von ihm so nicht kennt. Er passt da einfach perfekt rein. Er ist einfach ein Alien.

Ist »Aliens« nur ein Song für Leute, die sich außerhalb der Norm bewegen?

Auch für die Leute, die in der Norm sind, klar. Das ist eine Erklärung, die du irgendwie für dich erkennen musst. Es ist sehr schwer für mich zu sagen, wer so...auch ein Typ, der sich Nutella auf eine Pizza macht, ist irgendwie doch schon ein Alien. Weißt du, was ich meine? Das klingt ein bisschen bescheuert, aber ich kann nur Lieder machen, die ich selber empfinde. Ich kann ein Thema schreiben, was ich fühle. Und man fühlt sich manchmal wie ein Alien. Das ist ja auch nichts neues. »I'm an alien in New York.« oder die »ATL-iens« von OutKast. Es ist einfach nur, man bedient sich an etwas. An einer Thematik. Ich habe das Wort »Alien« nicht neu erfunden. Ich habe dem eine Farbe gesetzt und so einen kleinen internationalen Anstrich gegeben. Das ist nicht so das Ding, dass...auch das Video ist ein Performance-Video. Das ist Townships, das ist Welt, auf der Welt zuhause sein. Das ist nicht um die Ecke im Industriegebiet. Das ist einfach etwas anders gedacht. Es gibt auch diese Industriegebietsgröße. Aber es gibt auch die Weltgröße. Das ist es einfach.

Was ist das Beste, was du dir je für Geld gekauft hast?

Auf jeden Fall Reisen ist krass. Also das man reisen kann. Aber es gibt bestimmt irgendwas heftiges, was ich mir sonst nicht gekauft hätte. Das fällt mir jetzt aber nicht ein. Verrücktes, ahja, das Allerkrasseste ist: Ich habe ein Karpfenanfütterboot mir gekauft für 1000 Euro. Das ist so ein kleines Boot, das man so mit einer Fernbedienung steuert und wo man so Köder für so Fische drauflegt und dann fällt das so in den See und dann geht da so eine Klappe auf und dann gehen die Köder so auf den Boden und dann ist das so der Spot, wo so Fische hinkommen und dann so fressen. Dann holst du es wieder rein, dann hängst du deine Angel an das Boot und dann fährt das so GPS-mäßig genau auf diesen Spot wieder hin und legt dann so deinen Köder da so ab. Das ist auf jeden Fall was ziemlich Cooles, was man sich für Geld kaufen kann.

Worum geht es im Song »Das Geld muss weg«?

»Das Geld muss weg« ist natürlich mit einem Augenzwinkern zu sehen. Klar, die Doppeldeutigkeit: »Das Geld muss weg«, also ausgegeben werden und auf der anderen Seite muss es einfach weg. Ich finde das einen guten Spruch. Das ist ja auch unabhängig davon, wie viel Geld man hat. Das ist ja auch so geil: Ob du jetzt drei Euro oder 30.000 Euro hast, das ist...wenn du mit deinem Kumpel irgendwo stehst: »Hey, das Geld muss weg. Zwei McRib« So, weißte? Das ist egal. Es macht einfach die Welt ein bisschen irre, das ganze Geldthema. Das merkt man so ein bisschen, wie das alles so funktioniert. Mit dem Reichen und den Armen und wie alle so danach hustlen und manche es gibt, die gut verdienen und viel haben und dadurch ein leichteres Leben haben, manche so Geld verdienen, aber eigentlich ziehen sie in eine große Stadt und verdienen dann viel mehr oder gehen in die Schweiz und verdienen viel mehr. Aber am Ende zahlen sie es nur für eine Miete und ein Auto und irgendwie ist das Gefühl »Glück« ein ganz anderes als das, was mit Geld ist. Ich kenn das - und deswegen gibt es auch dieses Lied. Ich kenne Hartz IV und ich kenne auch richtig viel Geld zu haben und alles andere. Ich habe alle Ebenen erlebt - und es hat nichts mit Geld zu tun. Und das ist halt etwas Besonderes. Und eigentlich geht es darum. Es hat nichts damit zu tun, wie glücklich du bist oder. Natürlich macht Geld befreit, es ist, du kannst dir was kaufen, aber dein Glückszustand ist ja der entscheidende Zustand, was dein Leben angeht. Deswegen ist das ein bisschen so, wie das halt ist mit dem Geld - weil es die Leute auch ein bisschen wahnsinnig macht und verändert. Versuch einfach cool damit umzugehen und versuch, das Thema cool zu behandeln. Aber hat natürlich auch einen kleinen augenzwinkernden Beigeschmack.