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2019-01-03: Männermode von Künstlern im Kaiser-Wilhelm-Museum

Zuletzt geändert: 14.01.2019 14:40:11 CET

Der Anzug ist das klassische Kleidungstück der Männer. Mit seinen breiten Schultern und tailliert entsteht er im 19. Jahrhundert in England. Er geht auf Vorbilder und das Schönheitsideal der Antike zurück, welche Männlichkeit und Dominanz verkörpern. „Der Anzug wird bis heute auch nicht in Frage gestellt", sagt Dr. Magdalena Holzhey, Sammlungskustodin an den Kunstmuseen Krefeld. Aus England stammt von einer Vereinigung um das Jahr 1900 jedoch ein gänzlich neuer Ansatz von gesundem und künstlerischem Männerkleid. Und auch auf dem Kontinent entwarfen Künstler eine von den gesellschaftlichen Konventionen befreite Mode für Männer. Dabei handelt es sich um einen Aspekt der sogenannten Reformbewegung, die Impulse für eine künstlerische und gesellschaftspolitische Veränderung gab. „Es ist ein spannendes Thema, weil es viel über die gesellschaftliche Entwicklung erzählt", so Holzhey. Zu sehen ist das jetzt in der Ausstellung „Auf Freiheit zugeschnitten" im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum.

Kuratorin Dr. Magdalena Holzhey in der aktuellen Ausstellung "Auf Freiheit zugeschnitten"  im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken
Kuratorin Dr. Magdalena Holzhey in der aktuellen Ausstellung "Auf Freiheit zugeschnitten" im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld. Hier: Entwurf eines futuristischen Anzuges (1914) von Giacomo Balla. Fotos: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken

Von einer „Ödnis auf der Straße" sprach der italienische Futurist Giacomo Balla. Er protestierte gegen die Uniformierung und Nüchternheit der trostlosen Männermode. Im Jahr 1914 formulierte er dazu sogar ein Manifest über das Ideal der „anti-neutralen Herrenkleidung". Darin wendet er sich expliziert gegen die dunkelfarbige Eintönigkeit des Anzugs. Er selbst trug bunte Socken, mehrfarbige Krawatten und provozierte durch seine exzentrische Kleidung. Den Typus des Anzugs stellte er trotz seiner Neuerungen allerdings nicht in Frage. Balla steht mit seinen revolutionären Ansichten, die sich gegen die gesellschaftlichen Konventionen richteten, bereits am Ende einer Bewegung, die schon um 1890 von England ausgehend sich mit einer neuen Männermode auseinandersetzte.

Kuratorin Dr. Magdalena Holzhey in der aktuellen Ausstellung "Auf Freiheit zugeschnitten"  im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken
Kuratorin Dr. Magdalena Holzhey erzählt von Giacomo Balla und seinen drei Krawatten (1914) in der Ausstellung.

Mit der „Healthy and Artistic Dress Union" sollte nicht nur die Frauen-, sondern auch die Männerkleidung neu definiert werden. Der Maler Henry Holiday richtete hierbei sein Augenmerk auf den Gesamteindruck des individuellen Stils mit Hilfe von Accessoires. Der Schriftsteller Oscar Wilde erschien hingegen öffentlich in malerischer Kleidung und versuchte auch andere, von seinem Stil zu überzeugen. Der Künstler William Morris trug bei der Arbeit ein schlichtes blaues Leinenhemd als Symbol für die Durchdringung von Kunst und Leben. Auf dem Kontinent war es der Künstler Gustav Klimt, der für Aufsehen sorgte. „Er kleidet sich immer in einem künstlerischen Kittel", berichtet Holzhey. Seine langen blauen Kittel ähnelten einer Mischung aus orientalischem Kaftan, japanischem No-Kostüm und Hemdkleid. Der österreichische Maler unterstich damit seinen Anspruch auf bequeme Kleidung und seine Zugehörigkeit zur Reformbewegung. Klimt ging in seinem Aufzug auch in die Öffentlichkeit, für die damalige Gesellschaft zugleich Affront und Impuls für ein neues Denken.

Gustav Klimt mit seinem blauen Kittel im Jahr 1910.
Gustav Klimt mit seinem blauen Kittel im Jahr 1910.

Gleiches gilt für Sonja Delaunay: Für sich und ihren Mann Robert gestaltete sie eine Patchwork-Garderobe, die ihre Wirkung durch die Farbe erzielte. „Sie schneiderte sich und ihrem Mann eine Leinwand auf den Leib", sagt Holzhey. In Pariser Künstlerkreisen bewegten sie sich in diesem auffälligen Outfit und erregten bei ihren Besuchen in der Tanzbar Bal Bullier viel Aufmerksamkeit. Am Ende scheiterten jedoch alle Versuche, die Männermode im Sinne der Reformbewegung in der breiten Masse zu verändern. Es beschränkte sich auf die avantgardistischen Kreise. Die Ausstellung „Auf Freiheit zugeschnitten. Das Künstlerkleid um 1900 in Mode, Kunst und Gesellschaft" wird noch bis zum 24. Februar gezeigt.