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2020-03-27: Hexe von Hüls wurde 1492 der Prozess gemacht

Zuletzt geändert: 10.04.2020 11:29:37 CEDT

An einem Tag im Februar 1492 müssen Wachleute in Hüls an die Haustür von Nesgen to Range geklopft haben. Man habe sie als „Hexe" bezichtigt, werden sie ihr gesagt haben. Dann brachten sie die Frau in das Gefängnis auf die Hülser Burg. Die Quellen geben keine Auskunft, wer und wieso Nesgen to Range als Hexe bezeichnete. Sie wurde vor ein Gericht gestellt, gefoltert und schließlich wegen Hexerei hingerichtet. Rund 100 000 Menschen, in der Hauptsache Frauen, wurden bis ins 18. Jahrhundert wegen Hexerei im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gefoltert und auf Scheiterhaufen verbrannt. Das wichtigste Handwerkszeug für die Ankläger war dabei ein Buch - der Hexenhammer.

Das Handbuch der Hexenverfolger „Der Hexenhammer" (Malleus maleficarum), wurde 1486 in Köln herausgegeben. Dabei handelt es sich um eine systematische Zusammenfassung jener Hexenlehre, deren Bestandteile aus dem Spätmittelalter stammen. Zauberei, Buhlschaft mit dem Teufel, der Hexenflug und der Hexensabbat flossen zusammen. Das Werk richtet sich vor allem gegen Frauen. Der Autor der Schrift ist der Theologe und Dominikaner Heinrich Kramer oder Krämer, der sich Heinrich Institoris nannte.

Folterung einer Hexe, nach T. J. V. Braght, Het Bloedig Tooneel (Amsterdam1686) in der Historischen Bibliothek des Museum Burg Linn
Folterung einer Hexe, nach T. J. V. Braght, Het Bloedig Tooneel (Amsterdam1686) in der
Historischen Bibliothek des Museum Burg Linn

Schon bald nach Erscheinen des Hexenhammers mehren sich die Nachweise von Hexenprozessen - auch am Niederrhein. Die älteste Nachricht stammt aus dem Jahr 1491. Damals ließ der Vogt Winrich zu Bergheim eine Frau als Hexe verhaften, foltern und verbrennen. Aber schon ein Jahr später trifft es auch den Krefelder Raum. Der Prozess in Hüls zählt zu den frühesten in der Region. Es ist der Fastnachts-Montag, der 5. März 1492: „Zwischen 3 und 4 Uhr hat Nesgen to Range vor den Scheffen des Gerichts zu Hüls Heinrich Henschen und Goert in dem Backhuys gesagt und bekannt, dass sie dreierlei Haare und drei Eier unter Heinrich Plönkes Hofschwelle gelegt und zwar ein Frauenhaar, ein Haar von Plönkes Pferden und eins von dessen Kühen."

In den folgenden Tagen wurde weiter gegen sie prozessiert und sie „peinlich" befragt, also gefoltert. Anschließend bekannte sie, sie habe drei Menschen mit Rat des Teufels behext. Diese wohnten alle am Inrath. Ferner „gestand" sie, dass der Teufel und sie „aus ihrem Haus bis auf den Hülser Berg auf der Höhe nach Krakau hingefahren sei und der Teufel sie selbst in Gestalt eines Pferdes, darauf sie gesessen, dahin geführt habe und zwar einmal um Mitternacht von Donnerstag auf Freitag, das andere Mal auf einem Dienstag am hellen Mittage."

Ausschnitte aus einem Atlasblatt von 1749 mit Darstellung des Blocksberges im Harz, J.B. Hohmann, Atlas Novus, mit zusätzlich eingebundenen Blättern, Museum Burg Linn Inv. Nr. 414
Ausschnitte aus einem Atlasblatt von 1749 mit Darstellung des Blocksberges im Harz, J.B.
Hohmann, Atlas Novus, mit zusätzlich eingebundenen Blättern, Museum Burg Linn Inv. Nr. 414

„Die Folter macht die Hexen", dieses war die feste Überzeugung des Jesuiten Friedrich Spee von Langenfeld, ein Gegner der Hexenverfolgung. Diese Aussage stimmt aber nur zum Teil. Das damalige Strafrecht und die soziale Verflechtung vor allem in kleinen Städten und Dörfern sind wichtige Elemente bei dem Zustandekommen von Hexenprozessen. Die Folter bildete jedoch eine wesentliche Voraussetzung bei der massenhaften Durchführung von derartigen Verfahren.

Oft reichte es schon, den Beschuldigten die Folterinstrumente zu zeigen, um von ihnen die erforderlichen Aussagen zu erhalten. Reichte das nicht, legte man ihnen die Instrumente wie zum Beispiel Bein- und Daumenschrauben an. Bekannten die Angeklagten immer noch nicht, wurde gefoltert. Eine bewährte Methode war der Aufzug, bei dem einem die Hände im Rücken gebunden und dann hochgezogen wurden. „Alles widerrufen ist umsonst", schrieb Friedrich Spee. „Gesteht sie nicht, so wird die Folter zwei, drei, vier Mal wiederholt."

Nesgen to Range sollte auch noch einmal alle von ihr erpressten Aussagen widerrufen. „Nachdem nun Nesgen an dem Brandpfosten angeklammert und genagelt ihre Geständnisse widerrief, wissen wir in der Sache keinen Rath", schreibt das Hülser Gericht an die höhere Instanz nach Kempen. „So soll man diese Nesgen herausführen und nach ihrem Bekenntnis richten. Unser Herrgott sei mit euch", lautete die Antwort aus Kempen. Das Urteil wurde vollstreckt, wahrscheinlich auf dem Kempener Richtplatz auf der Nordseite des Hülser Berges, wo sich heute die Schlufftrasse befindet.

Die Verfolgungen häuften sich

In den folgenden 200 Jahren kam es in kleinen Territorien und großen Fürstentümern im Reich und anderen europäischen Staaten immer wieder zu Hexenprozessen. Um die Jahre 1590, 1630 und 1680 häuften sich die Verfolgungen in deutschen Staaten. Davon war nicht das gesamte Reich betroffen, und nicht jede betroffene Region war bei allen diesen „Wellen" beteiligt. Zum Höhepunkt der zweiten Welle um 1630 erschien die „cautio criminales" von Friedrich Spee von Langenfeld (1592-1635). Sie wurde anonym 1631 in Rinteln gedruckt. Darin schrieb er, dass die so genannten Hexen völlig unschuldige Menschen sind, und nur die Folter erpresse ihre Geständnisse. In seinem Buch forderte er deswegen die Abschaffung der Hexenprozesse und der Folter - eine einzigartige Forderung in dieser Zeit. Von Friedrich Spee von Langenfeld wird übrigens erzählt, er hätte bereits als junger Mensch ganz weiße Haare gehabt, weil er Beichtvater der zum Tode verurteilten Hexen gewesen war und weil er deren Schilderungen über die Folter nicht mehr ertragen konnte. Neben Friedrich Spee von Langenfeld als Gegner der Hexenprozesse gab es auch andere, die sich öffentlich gegen diesen Aberglauben richteten. Dabei hatten sie auch bei manchen Landesherren wie im Herzogtum Kleve-Jülich-Berg Erfolg. In anderen Regionen und Städten wurden zum Teil hunderte Menschen ermordet. In manchen Ländern beendete der Einmarsch unter anderem von schwedischen Truppen während des Dreißigjährigen Kriegs die Hexenhatz.

Auch in Uerdingen und Linn wurde gefoltert

Nesgen to Range sollte nicht die letzte Frau sein, die auf heutigem Krefelder Gebiet der Hexerei bezichtigt und vor Gericht gestellt worden ist. In dem kurkölnischen Städtchen Uerdingen kam es 1589 zu einem Prozess und im kurkölnischen Linn zu Prozessen in den Jahren 1601, 1604, 1605 und 1608. Dabei wurden die Frauen gefoltert, in Uerdingen sogar der Wasserprobe unterzogen, doch in allen Fällen wurden sie nicht hingerichtet. Ob es sich bei den überlieferten Fällen tatsächlich um alle „Krefelder Prozesse" gehandelt hat, bleibt offen. Prozessakten wurden zum Teil aus Scham in späteren Jahren nach dem wahnsinnigen Treiben vernichtet, Kriege und Brände zerstörten auch entsprechende Quellen. Die letzte Hexenverbrennung am Niederrhein ist für das Jahr 1738 belegt.