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Galgen, Rad und Pfahl: Richtstätten und Hinrichtungen in Krefeld

Zuletzt geändert: 19.05.2020 14:08:51 CEDT

„Gericht, 1732, den 17. März, wurden am Klingenberg drei Frauen wegen Mordes und Diebstahl enthauptet. Am 18. wurden am Uerdinger Gericht zwei Kerle hingerichtet, einer lebendig gerädert und der andere gehängt und auch zwei Frauen ausgepeitscht", berichtet knapp zusammengefasst der damals zehnjährige Claes ter Meer (1722-1758). Dass ein Kind eine öffentliche Hinrichtung sah, bildete im 18. Jahrhundert keine Ausnahme. Das Hängen, Rädern und Enthaupten zog die Einwohner eines Ortes und Altersgruppen in Scharen an - und das sollte nach der damaligen Rechtsauffassung auch so sein.

Folterung einer Hexe, nach T. J. V. Braght, Het Bloedig Tooneel (Amsterdam 1686) in der Historischen Bibliothek des Museum Burg Linn
Folterung einer Hexe, nach T. J. V. Braght, Het Bloedig Tooneel (Amsterdam 1686) in der Historischen Bibliothek des Museum Burg Linn

Auf dem heutigen Stadtgebiet existierten gleich mehrere Richtstätten mit Galgen, Rad und Pfahl. Die „Herrlichkeit Crefeld" gehörte zur Grafschaft Moers, die Städte Uerdingen und Linn lagen in Kurköln, Teile von Hüls zählten zur „Herrlichkeit Crefeld", andere zu Kempen und damit auch zu Kurköln. Ein territorialer Flickenteppich auf kleinstem Raum, und jede Stadt unterhielt eine eigene Richtstätte, die außerhalb an Fernstraßen oder auf Anhöhen von Flüssen lagen: Die Krefelder Richtstätte am Galgenweg befand sich von 1600 bis 1703 an der Landstraße nach Neuss - heute im Bereich der Virchowstraße. Rad und Galgen standen auch am Rhein in Linn am Klinkenberg. Am 17. März 1732 enthauptete ein Henker dort drei Frauen wegen Mordes und Diebstahls.

MBL Galgen Linn
Detailansicht: Der Linner Galgen am Klinkenberg.

Die Richtstätte der Rheinstadt befand sich am Galgenberg in Richtung Hohenbudberg. Der Galgendeich beziehungsweise Galgendyk, heute An der Lunie, bezeichnete den Bereich der Richtstätte am Hülser Berg. Die Flurbezeichnungen sind inzwischen allesamt verschwunden, nur noch anhand alter Karten und schriftlicher Quelle lassen sie sich verorten.

Ganz links beim Buchstaben F: der Linner Galgen; ganz rechts beim Buchstaben H, der Uerdinger Galgen.
Ganz links beim Buchstaben F: der Linner Galgen; ganz rechts beim Buchstaben H, der Uerdinger Galgen.

Eine solche Quelle ist das Tagebuch der Brüder Claes und Abraham ter Meer, die von 1732 bis 1756 Ereignisse vor allem aus Krefeld festhielten. Sie berichteten von mehreren Hinrichtungen, jedoch kaum oder nichts über die Hintergründe der Taten, die Verbrecher oder Opfer. Durch die Aufzeichnung von Abraham ter Meer ist zumindest der Grund für die Verlegung der Krefelder Richtstätte überliefert: Weil die Menschenmenge auf den angrenzenden Äckern herum trampelten, zerstörten sie so die Feldfrüchte und schmälerten die Einkünfte eines Klosters, welchem das Gelände gehörte. Das wehrte sich erfolgreich und so richtete man um 1708 im Kliedbruch (früher Driesdyk, heue Appellweg) an der Straße nach Moers eine neue Richtstätte mit Rad, Galgen und Pfahl ein.

Der Krefelder Galgen in der Nähe des Grenzsteines Nummer 5.
Der Krefelder Galgen in der Nähe des Grenzsteines Nummer 5.

Wenn ein Mensch im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit (1500 bis 1789) gegen irdisches oder göttliches Recht verstieß, war es nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, dass die Obrigkeit einen Verbrecher bestrafte - auch zur Abschreckung. Täten sie es nicht, drohte dem ganzen Volk der Zorn Gottes in Form von Seuchen oder Kriegen. Ein Täter musste also seine Schuld eingestehen, damit eine Gemeinschaft nicht ins Verderben fiel. Die Bestrafungen richteten sich nach lokalem Rechtsgebräuchen und der „peinlichen" Gerichtsordnung Kaiser Karls V. aus dem Jahr 1532, der Carolina. „Peinlich" meint, dass ein Beschuldigter im Rahmen der Gerichtsverhandlung gefoltert wurde. So trug es sich auch bei zwei Fällen im 17. Jahrhundert in Krefeld zu. Wegen mehrfacher Vergewaltigung und Körperverletzung wurde der niederländische Soldat Hermann van Merbach 1604 auf Burg Krakau „peinlich befragt" und später hingerichtet. Ein Jahr darauf sollte ein Hubert van Kempen bestraft werden. Da es in Krefeld keinen eigenen Henker gab, wurde dieser aus Duisburg „importiert". Neun Tage benötigte er, um mit „veele muhe mit de tortur" den Beschuldigten zu einem Geständnis zu bringen. Angeklagt war er wegen einer versuchten Vergewaltigung. Unter der Folter gab van Kempen den Mord an mehreren Männern und schwangeren Frau zu. Als Mörder hatte er „das leben verwürckt".

Massenhafte Anwesenheit des Volkes

Das Schuldeingeständnis bildete einen wesentlichen Kern jeder Verurteilung und bedeutete in der damaligen göttlich begründeten Rechtsauffassung mehr als das Eingeständnis eines Verbrechens. Es war eine Art Beichte, ein Schritt zur Errettung des Seelenheils eines Verurteilten, der sich vor seinem Tod mit Gott versöhnen kann. Gleichzeitig wurde mit der Folter und der Strafe das eigentliche Verbrechen gesühnt. Beides war geradezu ritualisiert und folgte Regeln, beispielsweise führte der Weg zum Richtplatz durch die Stadt, auch am Ort des Verbrechens vorbei. Die massenhafte Anwesenheit des Volkes bei der Bestrafung oder Hinrichtung zählte ebenso in dieses Ritual: Dabei wurde das bis dahin geheime Verfahren öffentlich, die Obrigkeit zeigte sich als Vermittler der göttlichen Gerechtigkeit. Sie stellten das durch das Verbrechen erfolgte gesellschaftliche Ungleichgewicht wieder her.

Guillotine in Aachen

Einen solchen Volksauflauf wird es wohl auch an der neuen Krefelder Richtstätte im Jahr 1743 gegebene haben. Dort kam es innerhalb weniger Wochen gleich zu mehreren Hinrichtungen. „Am 25. (Februar) fand am Driesdyk eine furchtbare Hinrichtung statt. Ein Mann wurde aufs Rad gebunden, ihm wurde bei lebendigem Leib die Zunge abgeschnitten, (die Wunde) mit einem glühenden Eisen zugebrannt und mit sechs Schlägen der Kopf abgeschlagen", schrieb der 14-jährige Abraham. Der Ehefrau wurde auch die Zunge herausgerissen, dann erwürgt und anschließend mit fünf Schlägen enthauptet. Diese schwere Strafe erhielten sie wohl, weil sie ihrem Sohn die Zunge herausgeschnitten hatten. Der sollte einen Diebstahl nicht verraten. Doch die Zunge wuchs ihm nach, so dass er die Täter benennen konnte. Zwei weitere Männer wurden zudem wegen dieser Tat im Juli gehängt, wobei einem zuvor die Zunge herausgeschnitten worden war. - Das letzte Todesurteil wurde am Hülser Berg 1797 vollzogen. Zwei Mitglieder der so genannten Krefelder Bande wurden wegen eines Überfalls auf Haus Niersdonk erhängt. Fortan ließen die Franzosen, die seit 1794 als Besatzer am Niederrhein waren, die Todesurteile durch die Guillotine in Aachen vollziehen.