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Ferientipp 6: Ein Spaziergang im geschichtsträchtigen Forstwald

Veröffentlicht am: 16.10.2020

Wer den Forstwald im äußersten Südwesten der Stadt für einen ausgedehnten Spaziergang betritt, taucht ein in zahlreiche Epochen der vergangenen Jahrhunderte. Gedanklich muss man sich dafür allerdings vom heutigen Bild freimachen, denn entstanden ist der Wald erst im Jahre 1830. Bis dahin war es ein plattes, ödes Land, von Bäumen keine Spur. Der Kaufmann Gerhard Schumacher ließ auf dem Gelände der Sankt Töniser (Sankt Antonis) Heide, die er 1822 von der bettelarmen Gemeinde Vorst ersteigert hatte, einen Landschaftspark anlegen und mit Kiefern aufforsten. Nach einem verheerenden Brand folgte eine zweite Aufforstung mit dem bis heute bestehenden Wegenetz. Schumacher war Naturfreund durch und durch und betrieb schon an seinem Wohnort, dem Gut Großlind in Tönisvorst, einen botanischen Park. An der Kreuzung der Plückertz- und Forstwaldstraße, die übrigens schon damals bestand, baute Schumacher 1838 das Forsthaus als Jagdsitz. Es bildet seitdem das Zentrum des umliegenden Waldes, wird inzwischen gastronomisch genutzt und hält auch einen großen Parkplatz vor. Von dort konnte Schumacher über das dichte Wegenetz auf die Pirsch gehen. Im rückwärtigen Bereich gibt es übrigens ein kleines Wildgehege.

Blick in eine der vielen Alleen im Forstwald. Foto: Stadt Krefeld, Presse und KommunikationBlick in eine der vielen Alleen im Forstwald.
Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation

Vom Forsthaus aus führt eine der großen Alleen im Forstwald, der Bosseljonweg, benannt nach dem Krefelder Musiker, Maler und Dichter Bernd Bosseljon, gen Süd-Osten und damit direkt zur Landwehr im Forstwald. Sie wurde um das Jahr 1350 auf Betreiben des Kölner Kurfürsten zwischen den Ämtern Kempen und Linn angelegt. Landwehren wurden im Spätmittelalter vor allem zur Wahrung des Landfriedens angelegt, aber auch zum Schutz vor Vieh- und Holzdieben. Im Forstwald lag zwischen den Hauptwällen und -gräben ein Höhenunterschied von fünf Metern. Einst war auf den Wällen eine dichte Bepflanzung mit Dornenbüschen, die das Durchdringen verhindern sollte. Das verbliebene Stück, rund 1.600 Meter, sollte allerdings mit Vorsicht entdeckt werden. Bewusst ist das Betreten nicht überall möglich: Seit 1988 steht die Wehr unter Denkmalschutz, sie gilt als ältestes und größtes Bodendenkmal der Region. Diverse Schutzmaßnahmen und Bepflanzungen sollen eine weitere Zerstörung verhindern, die Läufer, Wanderer, Spaziergänger und Radfahrer in den vergangenen Jahren verursacht haben. Auf mehreren Stelen wird über die Bedeutung der Wehr informiert.

Blutige Schlachten auf der Heide

Folgt man der Landwehr Richtung Landgasthof Hückelsmay, wandelt man auf einst stark umkämpften Gebiet. Hier tobten wilde Schlachten, da sich die Heide für den Aufmarsch und Kampf Mann gegen Mann eignete und die Wehr, wenn auch trügerischen, Schutz bot. Während des Hessenkriegs im Dreißigjährigen Kriegs (1618 bis 1648) hatte sich der kaiserliche General Lamboy mit seinem 9000 Mann starken Heer in der „Schlacht an der Hückelsmay" (1642) hinter der Wehr verschanzt, wurde jedoch vom französischen General Jean Guebriant mit gleicher Truppengröße geschlagen. Die zweite Schlacht, die „Schlacht von Krefeld" am 23. Juni 1758 sollte weitaus blutiger ausgehen. Der preußische Prinz Ferdinand zwang mit seinen 32 000 Soldaten das französische Heer, bestehend aus 47 000 Mann, in die Knie. Diesmal hatte der französische Heerführer Clermont die Landwehr als Verteidigung gewählt. Ferdinand fiel ihm und dem sehr viel größeren Heer jedoch in den Rücken und konnte den Sieg erringen. Ein Denkmal an der nahen B57 erinnert an die Schlacht mit 5700 Toten, ein dazugehöriges Diorama steht im Museum Burg Linn. Im nahen Landgasthof Hückelsmay erinnern viele Artefakte an frühere Tage.

Reste der Landwehr (Schlacht auf der Kempener Heide). Foto: Rudolfo42 / Wikipedia (Creative-Commons-Lizenz: „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“)Reste der Landwehr (Schlacht auf der Kempener Heide).
Foto: Rudolfo42 / Wikipedia (Creative-Commons-Lizenz: „Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international")

Zurück in den Wald, zurück zur Landwehr und zu einem Steinkreuz der Kölner Kevelaer Bruderschaft, das dort seit 1964 steht. Pilger kommen hier seit 1648 (!) auf ihrem Weg von der Stiftskirche St. Kunibert in Köln nach Kevelaer zum Gnadenbild der „Trösterin der Betrübten" vorbei und halten Rast. Hier beginnt (oder endet) auch ein Trimm-Dich-Pfad, der allerdings ein wenig in die Jahre gekommen ist. Nach einer Linkskurve führt der Weg nun einen guten Kilometer in nord-westliche Richtung am Bürgerwald an der Plückertzstraße vorbei. Hier können Bürger oder Institutionen zu verschiedenen Anlässen Bäume pflanzen - natürlich mit Hilfe des Kommunalbetriebs Krefeld.

Auch die Nazis kämpften im Forstwald

Durchaus kann man jetzt schon die Züge rauschen hören, die auf der Bahnstrecke zwischen Krefeld und Viersen verkehren. Sie verläuft hier seit 1854, ein Bahnhof im Forstwald kam auf Initiative der Witwe von Schumacher 1896 hinzu, was den damaligen Tagestourismus deutlich förderte. Ganze Wagenladungen an Touristen nutzen den Forstwald zur Naherholung, der Beginn der Kaffeehaus-Tradition. Die Bahnstrecke hatte den Forstwald übrigens für weitere militärische Zwecke interessant gemacht. Die NSDAP-Organisation Todt hielt sich während des Zweiten Weltkriegs ständig im Wald und ihren dortigen Gebäuden auf und konnte sich unbemerkt vom Feind bewegen. Vereinzelte Gefechte gab es beim Durchmarsch der Alliierten im März 1945. Die Briten nutzten später Gebäude der Organisation Todt und bauten ab 1952 an der Grenze zu Tönisvorst eine Kaserne für das 28. Signalregiment.

Wer mag, kann nun nach links Richtung Forsthaus abbiegen - oder hängt noch eine Verlängerung an. Das ist im Forstwald aufgrund des großen Wegenetzes nahezu überall möglich. Und wer der Plückertzstraße bis über die Bahnschienen folgt, gelangt in ein weiteres Waldstück. Hier stand bis 1970 das imposante Hotel Praaßhof, 1905 gebaut vom Architekten Buschhüter. Nur noch vereinzelt erinnern Betonbrocken an diese Vergangenheit.