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Erste Tagung über Provenienzforschung von Textilien in Deutschland

Im Deutschen Textilmuseum Krefeld haben sich Wissenschaftler bundesweit erstmals über „Textile Erwerbungen und Sammlungsstrategien europäischer Museen in der NS-Zeit" ausgetauscht. „Wir betreten heute Neuland", begrüßte Museumsleiterin Dr. Annette Schieck die rund 60 Tagungsteilnehmer aus Deutschland und den Niederlanden. Eine umfassende Provenienzforschung für Textilien existiert noch nicht. An Instituten und Universitäten gab es bislang einzelne Arbeiten zu dem Thema. Deswegen sei es ein Ziel der Veranstaltung, bisherige Erkenntnisse und Ergebnisse zusammenzutragen. Ferner strebe sie eine Vernetzung der Wissenschaftler an, um sich in Zukunft regelmäßig über neue Forschungsaspekte auszutauschen. „Durch das Gespräch, das hat sich jetzt schon gezeigt, können wir viele Stränge miteinander verbinden", sagt die Krefelder Museumsleiterin. Zudem soll im Austausch mit den beteiligten Wissenschaftlern und Museen mit dem Aufbau einer Liste von Kunsthändlern begonnen werden, die Textilien zwischen 1933 und 1945 an- und verkauft haben.

Das Deutsche Textilmuseum Krefeld hat die Tagung „Textile Erwerbungen und Sammlungsstrategien europäischer Museen in der NS-Zeit“ veranstaltet. Dabei wurde bundesweit erstmals der Erwerb von Textilien während des Nationalsozialismus in den Fokus gerückt und eine Diskussion eröffnet, die bislang nicht im Blickwinkel der Provenienzforschung stand. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken
Das Deutsche Textilmuseum Krefeld hat die Tagung „Textile Erwerbungen und
Sammlungsstrategien europäischer Museen in der NS-Zeit" veranstaltet. Dabei wurde
bundesweit erstmals der Erwerb von Textilien während des Nationalsozialismus in den Fokus
gerückt und eine Diskussion eröffnet, die bislang nicht im Blickwinkel der Provenienzforschung
stand. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken

Längst nicht jede Einladung, die Schieck zur Tagung über Provenienzforschung ausgesprochen hat, wurde angenommen. Sich dem Thema offen zu stellen, wird anderenorts wohl noch als Problem verstanden. „Wir möchten verstehen, was unsere Sammlung ausmacht und nüchtern darüber diskutieren", betont Schieck. Während Gemälde und Skulpturen weitaus besser in ihrer Provenienz zu erforschen sind, gestaltete es sich bei Textilien, Stoffen oder Stofffragmenten als äußerst schwierig. Diese Erfahrung teilen alle Referenten in Krefeld. In der Regel fehlen an den Objekten Etiketten, Vermerke oder sonstige Hinweise, die auf ehemalige Eigentümer verweisen. Die Tagung sollte deshalb auch dazu beitragen, weiterführende Hinweise auf Verbindungen von europäischen Sammlern und Sammlungen untereinander aufzudecken, internationale Verflechtungen und Mechanismen des Kunsthandels und Geldgebern und Mittelsmännern aufzuspüren.

Rätselhafter Fall der Sammlung Paul Prött

Den rätselhaften Fall der Sammlung Paul Prött stellte die Kunsthistorikerin Dr. Uta-Christiane Bergemann vor. Die Sammlung mit knapp 1000 Objekten von Trachten und Trachtenschmuck kam 1943 an die Gewebesammlung der Textilingenieurschule in Krefeld und zählt heute zum Bestand des Deutschen Textilmuseums. Über den Erwerb und seine Finanzierung ist bislang nichts bekannt, einzig die Objekte selbst und eine Erwerbsliste mit Kurzbeschreibung und Preisen zeugen von dem Vorgang. Die Sammlung war rund 120.000 Reichsmark wert, das entspricht einem heutigen Betrag von rund zwei Millionen Euro. Woher kam und ging das Geld, ist eine der offenen Fragen. Prött blieb zeitlebens ein armer, in finanziellen Nöten gebundener Maler. Von dem wichtigsten Beteiligten Paul Prött war zu Beginn der Forschung nur bekannt, dass er 1945 gestorben sei. Es existierte kein Foto von ihm, über seine Lebensumstände keine Quellen. Die Recherche in diversen Archiven erbrachte nichts.

Spur führt in die USA

Die Berichterstattung in der Presse setzte Bergemann auf eine neue Spur. Ein Verwandter von Prött meldete sich beim Krefelder Museum „Die Familie war völlig überrascht, dass es eine Sammlung gibt", so Bergemann. Der Maler habe zwischen 1947 und 1957 bei seiner Stieftochter in den USA gelebt. Er kehrte dann nach Westdeutschland zurück und starb 1964 in Mülheim an der Ruhr. Was er in seinen letzten Jahren in Deutschland machte, mit wem er Kontakt hatte, diese Fragen sind noch nicht beantwortet. Dafür ist klar, dass Prött nicht Mitglied in der NSDAP und der Reichskulturkammer war. Nach Auskunft der Familie habe er allerdings in Kontakt zu Hermann Göring gestanden, dem zweitmächtigsten Mann im Dritten Reich. Welcher Art diese Beziehung war ist nicht geklärt.

„Kunstsammler" Göring

Mit dem „Kunstsammler" Göring beschäftigte sich auch die Provenienzforscherin Dr. Ilse von zur Mühlen von der Bayerischen Staatsgemäldesammlung in München. Göring habe sich bereits sehr früh für Tapisserien interessiert. Seine Sammlung reichte darüber hinaus von Paramenten über Wandbespannungen bis hin zu Stoffmustersammlungen. Nach dem Krieg wurde ein Großteil dieser Werke an die Nachfahren enteigneter Sammler zurückgegeben. 1965 ging der Restbestand der Textilsammlung Görings an das Bayerische Nationalmuseum München. Von zur Mühlen schilderte, wie sich der „Reichsmarschall" diverser Berater und Einkäufer bediente, um entsprechende Textilien zu erwerben.

Geheimaktion rund um den Klosterschatz aus Petschory

Abschließend berichtete die Masterstudentin Maike Rahe von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg über das Schloss Colmberg als NS-Beutekunst-Depot und die Verbringung des Klosterschatzes aus Petschory. Zu dem zählten circa 30 Kirchengewänder und Altardecken. Wegen eigentumsrechtlicher Unklarheiten bleib das Beutegut zunächst in Wiesbaden und dann im Ikonenmuseum Recklinghausen. Der Schatz kehrte erst 1973 nach Petschory zurück. Rahe schilderte, dass der Fall in der Bundesrepublik geradezu als Geheimaktion aus der Öffentlichkeit gehalten werden sollte. Selbst auf Anfrage gab es keine Informationen über die Herkunft. Um den weiteren Erhalt der Textilien zu sichern, wurden sie nach Nordrhein-Westfalen gebracht. Dort konservierte sie Dr. Renate Jaques. Deren Namen tauchte bereits im Zusammenhang mit der Sammlung Paul Prött in Krefeld auf, wo sie seit Anfang der 1940er-Jahre tätig war.

Die Tagung fand im Rahmen des ersten Forschungsprojektes der Schwerpunktförderung der Sparkassen-Kulturstiftung Krefeld (2017 - 2021) „Ans Licht!" statt.