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Erste Erkenntnisse beim Projekt "Krefelder Sozialgeschichte"

Die Entwicklung Krefelds erhielt im 19. Jahrhundert einen enormen Schub. Binnen weniger Jahre wuchs die Einwohnerzahl von rund 15.000 (1815) auf 100.000 Bürger im Jahr 1887. Welche Auswirkung dieser Prozess auf die Sozialstruktur der Stadt ausübte, untersucht zurzeit der Bochumer Historiker Tristan Pfeil. Das Stadtarchiv Krefeld hat das mit 70 000 Euro veranschlagte Forschungsprojekt zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts initiiert. Der Landschaftsverband Rheinland unterstützt das Vorhaben mit 50.000 Euro, die Stadt Krefeld mit 20 000 Euro. Die Forschungsergebnisse sollen im kommenden Jahr im 16. Band der „Krefelder Studien" veröffentlicht werden. Aus seiner laufenden Recherchearbeit hat Pfeil nun erste Erkenntnisse vorgestellt. In der Volkshochschule Krefeld präsentiert er diese am Donnerstag, 16. November, um 19.30 Uhr.

Tristan Pfeil (links) und Dr, Stefan Moss, stellvertretender Leiter des Stadtarchivs, stellen erste Erkenntisse zum Forschungsprojekt über die Krefelder Sozial- und Wirtschaftsgeschichte vor. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken
Tristan Pfeil (links) und Dr, Stefan Moss, stellvertretender Leiter des Stadtarchivs, stellen erste
Erkenntisse zum Forschungsprojekt über die Krefelder Sozial- und Wirtschaftsgeschichte vor.
Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation, L. Strücken

Mit Hilfe von Statistiken, Adressbüchern, Bevölkerungslisten, Melde- und Sterberegistern sowie dem Archiv der Mennonitengemeinde möchte Pfeil unter anderem eine Sozialkartierung der Stadt erstellen. Hier verfolgt er einen ersten Ansatz: Mit dem stetigen Zuzug von neuen Einwohnern verknappte sich auch der Wohnraum in der Stadt und ein Verdrängungsprozess setzte ein. „Hinter den Wällen fiel das Einkommensniveau", berichtet Pfeil. Innerhalb wohnte die High Society, Weber und Arbeiter mussten immer mehr auf die Vorstadt ausweichen. Nach seiner Forschung zeichnete sich Mitte des 19. Jahrhundert ab, dass verstärkt Rentiers in der Stadt auftreten, die ihren Lebensunterhalt unter anderem aus Firmen, Vermietungen oder Kaptalgewinnen finanzierten. Die konkreten Lebensumstände der Weber und Arbeiter lassen sich hingegen schwerer erfassen. Über unterschiedliche Quellen sei hier eine Annäherung möglich: Als Ernährungsgrundlage dienten wohl Roggenbrot, Kartoffeln und Hülsenfrüchte. Über die Kosten für Kleidung und Miete könne er zurzeit noch keine konkreten Aussagen machen. „Es scheint aber so zu sein, dass ein Durchschnittslohn kaum ausreichte, um die Lebenskosten zahlen zu können", so Pfeil.

Frauen aus dem Ruhrgebiet kommen nach Krefeld

Damit eine Familie sich etwas mehr leisten konnte, mussten Frauen und Kinder bei der Textilproduktion mithelfen. Die besseren Verdienstmöglichkeiten und daraus resultierenden Lebensumstände stehen eventuell zudem im Zusammenhang mit der damals niedrigen Säuglingssterblichkeit in Krefeld, die im Vergleich in Preußen allgemein höher ausfiel. Die Arbeitsmöglichkeit für Frauen in der Textilbranche sorgte nach seinem derzeitigen Wissenstand auch dafür, dass verheiratete Frauen aus dem Ruhrgebiet nach Krefeld kamen. Lag der Anteil der verheirateten Männer nach den ausgewerteten Quellen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Krefeld noch deutlich höher, kippte dieser Trend im Verlauf der kommenden Jahre.

Überraschend sei für Pfeil ferner, dass Spareinlagen trotz Krisenzeiten nicht angetastet wurden. Allerdings gelte das nur für jene, die überhaupt genug verdienten, um sparen zu können. Und noch ein bemerkenswerter Aspekt kristallisiert sich bei seinen Untersuchungen heraus: Kleinbürger verdienten das drei- bis vierfache eines Webers. Im Gegensatz zu anderen Arbeitern empfanden sich die Weber - vielleicht aus Berufsstolz - jedoch als kleinbürgerliche Bewohner oder Handwerker, obwohl sie gehaltsmäßig zu der unteren Bevölkerungsgruppe zählten.