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Krefelder Architektur in den 1920er-Jahren

Zuletzt geändert: 18.03.2019 16:54:36 CET

Während der Weimarer Republik entwickelte sich Krefeld zu einer Großstadt. In den 1920er-Jahren plante und realisierte man in der Stadt ein Spektrum an Gebäuden zwischen Avantgarde und „gediegenem Bauen". Im Bauhaus-Jahr fokussiert sich der Blick auf die Bauten des Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Der letzte Direktor des Bauhauses realisierte die bekannten Villen Haus Lange und Haus Esters sowie seinen weltweit einzigen Industriebau an der Girmesgath. Der stellvertretende Leiter des Museums Burg Linn, Dr. Christoph Dautermann, hat sich intensiv mit dem hiesigen Bauboom in der Weimarer Republik beschäftigt und die Ergebnisse in einem Buch zusammengefasst.

Das erste Haus im Bauhaus-Stil in Krefeld sind gar nicht die beiden Villen von Ludwig Mies van der Rohe, sondern das Haus Feubel an der Uerdinger Straße.
Christoph Dautermann: Das sogenannte Haus Feubel von 1928, ungefähr gegenüber der Musikschule, ist tatsächlich das erste Gebäude im Bauhausstil in Krefeld. Ob der Bauherr Dr. Albert Feubel Kenntnis von den Bauten Mies van der Rohes hatte oder nicht, bleibt allerdings eine Vermutung. Der Baustil des Hauses spricht jedoch eine eindeutige Sprache: Mit diesem Haus hielt die Bauhaus-Architektur in Krefeld Einzug. Es ist hier der erste konsequent kubische Ziegelbau mit Flachdächern.

Dr. Christoph Dautermann vor dem Haus Vluyner Platz 6, einem typischen Backsteinbau in Krefeld. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation
Dr. Christoph Dautermann vor dem Haus Vluyner Platz 6, einem typischen Backsteinbau in
Krefeld. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation

Was ist das für ein Bau und wer hat ihn entworfen?
Christoph Dautermann: Das Gebäude wurde nicht von auswärtigen, sondern von den Krefelder Architekten Ernst Schäfer und Josef Stumm geplant. Über die beiden Architekten und ihr Werk wissen wir leider kaum etwas. Sie hatten von 1928 bis 1937 eine Architektengemeinschaft. Schäfer wurde in seinem Nachruf als „Architekt und Heimatforscher" bezeichnet. Lange Jahre hat er sich aktiv im Verein für Heimatkunde engagiert. Er war ein Schulkamerad Heinrich Campendonks und mit Heinrich Nauen befreundet, die in ihren Arbeiten auch die Bauhaus-Idee, dem zusammen wirken von Kunst und Handwerk, vorwegnahmen, was zurzeit in einer Ausstellung im Neusser Clemens-Sels-Museum zu sehen ist.

Welche „modernen" Architekten haben noch in Krefeld gewirkt und was haben sie hier gebaut?
Christoph Dautermann: Neben Mies van der Rohe war ein weiterer „Stararchitekt" der Weimarer Zeit von dem Krefelder Seidenunternehmer Franz Steinert und seiner Frau Ilse Steinert mit dem Bau eines Wohnhauses an der Kliedbruchstraße beauftragt worden: Hans Poelzig. Er war einer der bedeutendsten Architekten der Moderne beziehungsweise des Expressionismus. Über die Arbeit der hiesigen Architekten liegen nur eingeschränkt Quellen vor, weil während des Zweiten Weltkriegs das Bauaktenarchiv der Stadt zerstört wurde.

Das moderne Bauen in den 1920er-Jahren spiegelt auch einen besonderen Geschmack wider. War das in Krefeld eher die Ausnahme?
Christoph Dautermann: Wie man an dem Haus an der Kliedbruchstraße von Hans Poelzig sieht, war der Baustil ein ganz anderer als der der Bauhausvertreter. Der ehemalige stellvertretende Leiter der Krefelder Kunstmuseen und spätere Direktor des K 21 in Düsseldorf, Julian Heynen, hat in einer Ausstellung zu August Biebricher einmal den treffenden Titel „Gediegene Bauten für geordnete Verhältnisse" geprägt. So wirken die meisten Bauten, die in den 1920ern in Krefeld entstanden sind, tatsächlich sehr gediegen und eher bieder, eher der Tradition verpflichtet und kaum avantgardistisch.

Waren die 1920er-Jahren eine Boom-Zeit in Krefeld?
Christoph Dautermann: Aus städtebaulicher Sicht auf jeden Fall. Zwischen den beiden Weltkriegen entwickelte sich Krefeld zu einer Großstadt. Das erkennt man nicht allein an der privaten und gewerblichen Bautätigkeit in dieser Zeit. Ein Schwerpunkt lag etwa auf dem Bau von Siedlungen. Darüber hinaus wurden Grünanlagen angekauft oder gestaltet, Sportanlagen wie die Grotenburg-Kampfbahn realisiert.

Was für außergewöhnliche Bauprojekte wurden in den 1920er-Jahren in Krefeld geplant, die jedoch nicht realisiert wurden?
Christoph Dautermann: Wie in anderen Großstädten plante man auch hier zu Beginn der 1920er-Jahre Hochhäuser zu errichten. Ein Entwurf von 1921 stammt von der Architektengruppe Hoppe-Wehling-Bommers. Bei ihm handelt es sich um die Errichtung eines Bürohauses am Hauptbahnhof. An der Westseite des Hansa-Hauses sollte direkt im Anschluss ein zwölfgeschossiges Bauwerk entstehen, ähnlich wie es in Düsseldorf realisiert wurde. Einen zweiten Entwurf für ein Bürohochhaus legten 1921 die Krefelder Architekten Geilen & Ostwald vor. Wenn die Planungen ausgeführt worden wären, stünde heute anstelle des Seidenweberhauses ein Büroturm aus den 1920er-Jahren.

In Krefeld begegnet dem Backstein sprichwörtlich an jeder Ecke. Wie kam es dazu?
Christoph Dautermann: In Krefeld gehörten Karl Buschhüter und Carl Dahmen, aber besonders auch August Biebricher zu den Architekten, die schon vor dem Ersten Weltkrieg, vielleicht aus unterschiedlichen Motiven heraus, den Backstein zur Gestaltung der Außenwände konsequent einsetzten. Unterstützung erhielten sie durch die damaligen Denkmalpfleger und die „Heimatschutzbewegung", welche den Einsatz des Backsteins als regionaltypisches Baumaterial propagierten. Sie sahen den Niederrhein als das „Stammland des Backsteinbaus", auch wenn das nicht ganz stimmt, denkt man beispielsweise an die norddeutschen Backsteinstädte. Dass der Backstein als Wandverkleidung damals äußerst populär war, zeigen ja sogar die Häuser Lange und Esters. Er wurde also auch von den Vertretern der Moderne durchaus geschätzt.

Zur Person:

Dr. Christoph Dautermann, Jahrgang 1958, studierte Volkskunde, Germanistik und Kunstgeschichte in Münster. Promotion zum städtischen Hausbau am Niederrhein von 15. bis 18. Jahrhundert. Seit 2001 stellvertretender Leiter am Museum Burg Linn in Krefeld. Das reich bebilderte Buch „Auf dem Weg in die Moderne. Krefelder Architektur der 1920er-Jahre", 124 Seiten, mit Orts- und Namensregister kostet 19,95 Euro. Die Publikation bietet gerade für architekturbegeisterte Laien einen Überblick über wesentliche Aspekte der Baugeschichte und ihrer Akteure. Den Druck haben die Sparkasse Krefeld, der Verein Freunde der Museen Burg Linn sowie der Verein für Heimatkunde in Krefeld ermöglicht. Das Buch ist im Museumsshop an der Rheinbabenstraße 85, an der Kasse in der Vorburg und im Buchhandel erhältlich.

Dr. Christoph Dautermann hält am Montag, 13. Mai, um 19 Uhr in der Volkshochschule Krefeld den Vortrag „Krefeld - nicht alles Mies". Zudem bietet er die Führung „Rund um das Stadthaus" am Mittwoch, 22. Mai, um 17 Uhr.