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2018-10-10: Auf Freiheit zugeschnitten im Kaiser-Wilhelm-Museum

Zuletzt geändert: 22.11.2018 08:47:54 CET

Die Kunstmuseen Krefeld zeigen im Kaiser-Wilhelm-Museum die von Dr. Magdalena Holzhey und Dr. Ina Ewers-Schultz kuratierte Ausstellung „Auf Freiheit zugeschnitten. Das Künstlerkleid um 1900 in Mode, Kunst und Gesellschaft". Ausgehend vom künstlerischen Reformkleid untersuchen die Kuratorinnen erstmals in einer Ausstellung die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Kunst, Mode, Fotografie und Tanz im Kontext der Reformbewegung zwischen 1900 und 1914. Zum ersten Mal nach der Wiedereröffnung werden im Kaiser-Wilhelm-Museum auch wieder zahlreiche hochkarätige Leihgaben aus in- und ausländischen Museen sowie Privatsammlungen präsentiert. Die Ausstellung findet in wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Deutschen Textilmuseum Krefeld statt und ist bis 24.Februar 2019 im Kaiser-Wilhelm-Museum zu sehen.

Exponat aus der Ausstellung. Foto. Stadt Krefeld
Exponat aus der Ausstellung: Musumsleiterin Katia Baudin (links) mit den beiden Kuratorinnen. Foto. Stadt Krefeld

Die Frau war zum Ende des 19. Jahrhunderts eher eine Skulptur, die zur Untätigkeit verdammt war. Die gesundheitsgefährdende Einengung des weiblichen Körpers durch ein Korsett bildete ein gesellschaftliches Schönheitsideal. Ein Ideal, das sich übrigens heute vielfach immer noch in Kinderzimmern wiederfindet: Puppen, Spielzeughelden und Zeichentrickfiguren für Kinder besitzen extrem schmale Taillen. Untersuchungen haben gezeigt, dass solche Vorbilder später zu einer verzerrten Wahrnehmung und zu gesundheitsgefährdenden Folgen führen können. Damals wie heute ist dieses Frauen- und Schönheitsbild fremdbestimmt - Frau soll so sein. Mit seinen weiten Formen ermöglichte das künstlerische Reformkleid vor über 100 Jahren Frauen, zuerst nur einer elitären Gruppe von Frauen, eine neue Bewegungsfreiheit. Zur Jahrhundertwende wirkte es wie gesellschaftliches Dynamit, welches das Korsett sprengte. Es öffentlich zu tragen, geradezu zur Schau zu stellen, drücke Protest und Kritik gegen die Konventionen aus. In Zeitungen betitelten Redakteure solche Kleider gerne auch als „Reformsäcke" und verunglimpften öffentlich die Trägerinnen.

Ausstellung in der Stadthalle

Wie provokativ muss es im wilhelminischen Deutschen Reich gewesen sein, Derartiges auch noch auszustellen? Und genau das machte Friedrich Deneken, der Gründungsdirektor des Kaiser-Wilhelm-Museums, im August 1900 in der Krefelder Stadthalle. Er zeigte Kleiderentwürfe von bekannten Künstler wie Henry van de Velde und Margarete von Brauchitsch. Die damalige Ausstellung bildet nun die Verknüpfung in die Gegenwart. Besucher, die mit dem Fahrstuhl in die zweite Etage fahren, werden von dem alten Ausstellungsplakat begrüßt. Dort beginnt eine umfassende Schau, in der die interdisziplinäre Fragestellung und jüngste Forschungsergebnisse neue Perspektiven auf die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnen sollen.

Die Kuratorinnen veranschaulichen einen Aufbruch in eine neue Ästhetik, die bis heute nichts an ihrer avantgardistischen Faszination eingebüßt hat. Holzhey und Ewers-Schultz spannen mit dem Reformkleid als Ausgangspunkt einen weiten Bogen von den Präraffaeliten, einer englischen Künstlergruppe, über die Gesamtkunstwerk-Entwürfe des Jugendstils, die Wiener Werkstätten und die Expressionisten, vom Ausdruckstanz bis zu neuen Medien und Verbreitungsformen wie Fotografie, Plakat und Modezeichnung. Für die Schau haben die Kuratorinnen kleine in die großen Ausstellungsräume eingefügt, in den Einzelthemen wie Arbeiten von van der Velde dargestellt werden. Mittendrin in dieser Gesamtinszenierung steht die Frau mit dem künstlerischen Reformkleid.

Zur Ausstellung ist ein reich bebildertes Katalogbuch mit zahlreichen Essays in einer deutschen und einer englischen Ausgabe im Hirmer Verlag erschienen. In einem umfangreichen Begleit- Führungsprogramm werden die vielfältigen Aspekte der Ausstellung theoretisch und praktisch vertieft. Weiter Informationen stehen unter www.kunstmuseenkrefeld.de.