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Als der Zweite Weltkrieg in Krefeld endete

Veröffentlicht am: 26.02.2021

Die Geschosseinschläge der alliierten Artillerie hören die Krefelder bereits am 28. Februar 1945 immer näher kommen. Vom Süden rückt die US-Armee an die Stadt heran. Sie haben ein Ziel: die noch intakte Rheinbrücke in Uerdingen. Seit Tagen strömen deutsche Soldaten auch zu der Flussquerung, um sich in das rechtsrheinische Gebiet abzusetzen.

Schützen vor Krefeld. Foto: Markus ScholtenSchützen vor Krefeld.
Foto: Markus Scholten

Die US-amerikanischen Truppen beginnen am 2. März ihren Angriff auf die Stadt, darunter Ralph Nelson, Jahrgang 1918. Der Soldat der C-Company in der 102. Infantry Division 406th führt Tagebuch und schreibt am 2. März: „Als wir die anderen in den Randbezirken von Krefeld eingeholt haben, hält uns feindliches Maschinengewehrfeuer in einem Feld am Boden. Der Kompaniechef wird getötet, zudem geht uns die Munition aus. Was für ein Chaos. Bei Einbruch der Dunkelheit löst uns die Baker-Reservekompanie ab und geht ohne Gegenwehr in Krefeld hinein."

Ralph Nelson. Foto: PrivatRalph Nelson.
Foto: Privat

Anlässlich „75 Jahre Kriegsende in Krefeld" gab es im vergangenen Jahr in der Mediothek eine Ausstellung, die Mitglieder einer Arbeitsgruppe zusammengestellt hatten. Dazu gehörte auch Markus Scholten, der seinerzeit einen Aufruf in den USA gestartet hat, ob Soldaten oder deren Kinder noch Bilder und Tagebücher besitzen. „Die Resonanz war überwältigend gewesen", sagt Scholten. So gelangten bislang unbekannte Fotos nach Krefeld, welche die zerstörte Stadt aus Sicht der amerikanischen Truppen zeigt.

Tagebucheintrag von Ralph Nelson. Foto: PrivatTagebucheintrag von Ralph Nelson.
Foto: Privat

Auch das Tagebuch von Ralph Nelson zählt dazu. Er meldet sich 1944 freiwillig zur Armee, in der drei seiner Brüder bereits dienen. Seine Aufzeichnung am 2. März beginnt der damals 26-Jährige so: „Verlassen Viersen vor Tagesanbruch in Richtung Krefeld, etwa acht bis zehn Meilen entfernt. Außerhalb des Dorfes Anrath machen uns 20-Millimeter-Geschütze schwer zu schaffen. Ein paar Meilen weiter gerät unser Mörsertrupp selber in feindliches Mörserfeuer."

Aufmarsch auf einem Acker in Forstwald. Foto: Markus ScholtenAufmarsch auf einem Acker in Forstwald.
Foto: Markus Scholten

Die US-Soldaten sammelten sich vor dem Angriff im Süden von Krefeld, an der Hückelsmay, um ihren Angriff auf die Stadt vorzubereiten. „Überliefert ist aus deutschen und amerikanischen Quellen, dass Nelsons C-Companie an der Hückelsmay-Kreuzung in schweres Abwehrfeuer aus Richtung des Stahlwerks und des heute noch existenten Wasserwerks geriet", berichtet Scholten. Außerdem hatten zurückweichende deutsche Einheiten auf einem Ziegelsteinvorbau des Bunkers „Auf der Scholle" -zwischen Forstwald- und Gladbacher Straße - ein Maschinengewehr aufgebaut. Das nahm die Einheit von Nelson an der Hückelsmay unter Beschuss. Bei diesen Kampfhandlungen werden zwei Freunde von Nelson getötet, sechs weitere schwer verwundet. Die US-amerikanische Artillerie feuerte schließlich auf den Bunker, woraufhin die dort untergekommenen Zivilisten die weiße Fahne hissten, was die Wehrmachtssoldaten allerdings nicht davon abhielt weiter zu schießen, bevor sie flüchteten.

Karte vom Angriff auf Krefeld, von Viersen kommen.Karte vom Angriff auf Krefeld, von Viersen kommen.

Die C-Company mit Nelson rückte immer mehr in die Stadt vor. An der Gladbacher Straße leisten die Mannschaften von zwei deutschen Panzern noch Widerstand, bis amerikanische Artillerie sie zum Rückzug zwingt. Gegen 15 Uhr stehen an diesem 2. März die Sherman-Panzer am Hauptbahnhof, auf der Rheinstraße und dem Westwall. Und so schildert Nelson das Vorrücken: „Meine Kompanie wandert bei Dunkelheit ebenfalls in die Stadt und gerät in ein ziemliches Durcheinander. Keiner weiß, wo was und wer wo war, nur die Panzer der „Jerry" (Schimpfwort für die Deutschen) treiben sich dort herum. An einer Straßenecke jubelt uns eine riesige Menschenmenge zu und feiert uns wie die Helden. Letztlich finden wir einen netten Keller mit vielen Kojen und bleiben dort die Nacht über." In der Nacht vom 2. auf den 3. März war der wesentliche Widerstand gebrochen. Die Krefelder Innenstadt wird am 3. März um 12 Uhr mittags offiziell als erobert erklärt. Nelsons Eintrag für den 2. März endet mit den Zeilen: „Die ganze Woche bleiben wir in Krefeld, was wir auch bitter brauchen. Von Linnich nach Krefeld waren es nur 33 Meilen, die C-Kompanie musste aber über 50 marschieren, da wir weiter weg gestartet sind." Anschließend wurde er nach Rheinhausen versetzt, am 4. April setzte Nelson auf einer Behelfsbrücke über den Rhein.

Das Gruppenbild zeigt die Kinder von Ralph Nelson.  Foto: Markus ScholtenDas Gruppenbild zeigt die Kinder von Ralph Nelson.
Foto: Markus Scholten

Erst nach Nelsons Tod 2006 entdeckten seine Kinder Bill, Bev und Carolyn Nelson aus Milton im Bundesstaat Washington die Tagebuchseiten, die seinen Dienst in Deutschland beschreiben, einschließlich des Eintrags vom Einmarsch in Krefeld. „Wie die meisten Männer seiner Generation sprach er selten über seinen Militärdienst und den Krieg", erinnern sich die Geschwister. Ihr Vater sei stolz auf seinen Militärdienst gewesen, aber auch voller Demut, dass er nach Hause zurückkehren und ein langes Leben mit seiner Familie führen konnte, während viele seiner Freunde ihr Leben bei der Befreiung Krefelds gaben. „Wir sind sicher, dass es Papa eine Ehre sein würde, von der anhaltenden Dankbarkeit der Einwohner Krefelds zu wissen, von denen viele wahrscheinlich Kinder und Enkelkinder derer sind, die die 102. Infantry Division begrüßten, als sie 1945 ihre Stadt betraten. Dass der Jahrestag der Befreiung Krefelds durch die Soldaten der 102. Infantry Division dort in Ehren gehalten wird, erinnert uns erneut an das Opfer, das unsere Väter und Großväter gebracht haben, um künftigen Generationen von Amerikanern und Deutschen das Leben in Freiheit zu ermöglichen", sagen die Drei.

Zeitungsausschnitt über die "Nelson-Veterane". Foto: PrivatZeitungsausschnitt über die "Nelson-Veterane".
Foto: Privat

Den Wettlauf um die Uerdinger Rheinbrücke haben die US-Soldaten dann noch knapp verloren: Zwar gelangten einige auf die intakte Brücke, doch sie wurden zurückgedrängt. Deutsche Soldaten konnten einen mit Munition beladenen Lkw auf der Brückenmitte platzieren. Dessen Explosion riss eine gewaltige Lücke. Mit der Zerstörung der Brücke endeten jedoch noch nicht die Gefechte an dieser Rheinstelle. Wochenlang beschoss man sich von einem zum anderen Ufer.