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2012-08-02: Rote Tagpins und filigrane Webarbeit im Textilmuseum

Dr. Annette Paetz gen. Schieck, Leiterin des Deutschen Textilmuseums, in der Ausstellung Craftstoff mit ihrem Lieblingsobjekt. Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation
Dr. Annette Paetz gen. Schieck, Leiterin des Deutschen
Textilmuseums, in der Ausstellung Craftstoff mit ihrem
Lieblingsobjekt.
Foto: Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation

Nach dem Einkaufen von Hosen, Hemden und Pullis geht der Griff daheim zuerst zur Schere, um das Preisschild zu entfernen. „Tagpin", so heißt jenes kleine unbedeutende Stück Kunststoff, welches das Preisschild mit der Kleidung verbindet. Die im Alltag unscheinbaren „Tagpins" gestaltet der Künstler Wolfgang Horn zum Hauptakteur einiger seiner Objekte in der Ausstellung „Craftstoff" des Deutschen Textilmuseums in Krefeld. Dort sind zudem exquisite Gewebe von seiner Lebenspartnerin und Künstlerin Barbara Esser zu sehen. Dr. Annette Paetz gen. Schieck, Leiterin des Deutschen Textilmuseums, und ihre Stellvertreterin Dr. Isa Fleischmann-Heck haben während eines Rundgangs ihre Lieblingsobjekte aus der Ausstellung vorgestellt.

Unzählige rote Tagpins bestücken den dunkeln Anzug. Wie ein Fell überziehen die Kunststoffteilchen den Stoff. Ihre kleinen Köpfe neigen sich leicht Richtung Boden. So erstarrt steht „Tagpins - rot" hinter Glas. Das Exponat sieht Dr. Annette Paetz gen. Schieck als Teil einer Installationsgruppe, die eine Animation und drei Graphiken umfasst. „Es wäre toll, den Anzug einmal in Bewegung zu sehen, zum Beispiel auf einer Tanzfläche in einer Diskothek. Die Bewegung der einzelnen Elemente kann man sich gut vorstellen. Der Anzug ist aber für ein solches Experiment leider zu klein und zu schwer", sagt Schieck. Das Objekt gefiel ihr sofort, zumal die Tagpins ihre Lieblingsfarbe Rot haben. Gegenüber dem Anzug „Tagpins - rot" steht ein weiterer Anzug, diesmal mit Preisschildchen. Hier spiegele sich die Auseinandersetzung mit dem Preis von (teuren) Textilien als Statussymbol wider, gleichzeitig die Etikettierung durch Kleidung, aber auch die Anspielung auf einen Etikettenschwindel.

Ausgehend von „Tagpins - rot" besteht ein direkter Zusammenhang mit einer Videoanimation und drei graphischen Arbeiten. Dabei ist der Anzug der Ausgangspunkt für die Animation: Wie unter Strom nähert sich dieser mit den vibrierenden Tagpins dem Betrachter, bis nur noch eine wuselige Detailansicht auf die Tagspins erkennbar ist. Hier durchbricht Horn die Starre des Exponates durch die sich wiederholende, so scheinbar nie enden wollende Bewegung der Animation. Daneben hängen drei Einzelaufnahmen der Animation, wie eine kurze Stoppbildserie oder ein gezeichnetes Drehbuch. In der zeitlichen Abfolge stehen die Graphiken von 2007 auch zuvorderst in der Entwicklung innerhalb dieser Gruppe.

Farbigkeit, Farbharmonie, Komposition, Vielfältigkeit, variationenreich und ausgewogen - Stichworte, die Dr. Isa Fleischmann-Heck, stellvertretende Leiterin des Deutschen Textilmuseums, spontan einfallen, wenn sie vor „Pixel 2" von Barbara Esser steht. Ein Pixel ist der kleinste Farbpunkt auf einem Bildschirm. Erst aus der Distanz setzt sich ein Bild für den Betrachter zusammen. Die Pixelung von Computerbildern hat Esser zu mehreren Entwürfen inspiriert, denen sie die Titel „Pixel" gegeben hat. Sie verweisen auch auf frühere Werke, die Esser bereits 2002 im Krefelder Textilmuseum präsentierte. Damals seien ihre Werke vergleichbar einer Platine gewesen, somit sei Pixel eine weiterführende Auseinandersetzung mit dem Thema digitale Medien, so Fleischmann-Heck. Für ihr Werk „Pixel I" erhielt Esser im Jahr 2007 den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen. „Pixel 2" (2007) sei eine Erweiterungsstufe von „Pixel 1". „Es ist auf der selben Kette gewebt", sagt Fleischmann-Heck.

Die ausgebildete Textildesignerin Esser arbeitet an einem 24-schäftigen Webstuhl, an dem sie großformatige Doppelgewebe in Leinwandbindung oder Kettrips herstellt. Dabei verwendet sie merzerisierte Baumwollgarne, eine Veredelungsform, bei der das Garn unter anderem stabiler wird. „Für den Webprozess ist das wichtig", betont Fleischmann-Heck. Außerdem erhalte der Stoff auf diese Weise einen leichten Glanz. „Je nachdem, wie das Licht einfällt, ist die Farbwirkung durch die Reflexion anders", so Fleischmann-Heck. Das Doppelgewebe besitzt rund 6000 Kettfäden (Längsfäden), die im gelb-braunen sowie blau-braunen Bereich variieren. Für den Schuss, die Querfäden, kann sie auf 70 Farben zurückgreifen. „Das Farbenspiel wird hier durch den Schuss erzeugt", sagt Fleischmann-Heck. Dabei wählt Esser für jeden Schuss eine Farbe aus, eine Wiederholung des Musters schließe sie damit aus. Keine Reihe gleiche einer anderen, jede Reihe gestalte sie neu. Da die Arbeit an einem solchen Objekt über Monate andauere, könne sich auch die wechselnde Stimmung der Künstlerin im Verlauf ihres Werkes widerspiegeln - und auch beim Betrachter. „Es sieht immer wieder anders aus, wenn ich drauf schaue", sagt Fleischmann-Heck.

Das Deutsche Textilmuseum in Krefeld zeigt die Ausstellung „Craftstoff" mit rund 60 Objekten noch bis zum 19. August. Zu sehen sind diverse Gewebe von Barbara Esser sowie Video- und Computerarbeiten zu textilen Themen von Wolfgang Horn. Die Verwobenheit zwischen modernen Darstellungsformen und traditionellen Textilien zeigt ein überraschendes und spannungsreiches Spiel rund um das Thema Textilien. Nach Krefeld wird die Ausstellung noch in Neumünster und Bad Hersfeld zu sehen sein.

Weitere Informationen stehen im Internet unter www.krefeld.de/textilmuseum.